München – „Im Moment sehen wir uns vielfach am Rande oder Ende unserer Kräfte und erfahren keine Unterstützung unseres obersten Dienstherrn“ – so steht es in einem Brief, den die Vorsitzende eines Personalrats in einem Landkreis in Oberbayern an den Hauptpersonalrat im Kultusministerium geschrieben hat. Das vierseitige Schreiben liegt unserer Zeitung vor. Es illustriert, mit welchen Problemen die Lehrer an Grund- und Mittelschulen derzeit zu kämpfen haben. „Bereits jetzt, in der dritten Schulwoche, sind Lehrkräfte wie Schulleitungen am Limit“, klagt die Personalrätin. Sie berichtet, dass Lehrer Medikamente nehmen, um mit den „derzeitigen Belastungen“ klar zu kommen.
Vor allem mehrere Corona-Regeln werfen aus Sicht der Lehrer Fragen auf. So wurden im Vertretungsfall bisher die Kinder einer Klasse oft auf mehrere andere aufgeteilt. Das sei nun verboten. Aber wie solle man sonst die Betreuung sicherstellen, fragt die Lehrerin. Der Sinn der Trennung sei ohnehin fraglich, da sich die Schüler im Hort, im Privaten und auf dem Schulweg „durchmischen“ und alle Bemühungen um Abstandshaltung „konterkariert“ werden. Ebenfalls ungeklärt: das Lüftungskonzept für die Wintermonate. Fünf bis zehn Minuten Querlüften kühle die Räume stark aus, das sei „unzumutbar“, klagt die Lehrerin. Sorgen gebe es, falls die Infektionszahlen wieder hochschnellen und die Klassen zum Teil Homeschooling machen müssen. Wer solle denn den Distanzunterricht geben, „wenn die Lehrkraft im Präsenzunterricht tätig ist?“ Und sie warnt schon mal: Eine Notbetreuung in den Ferien sei „keinesfalls leistbar“. Allerdings fürchte sie, dabei auf wenig Verständnis zu stoßen. Für Lehrer sei das eine Extrembelastung, da sie „der permanenten Kontrolle durch Eltern ausgesetzt sind“.
Für den Hauptpersonalrat im Kultusministerium, Gerd Nitschke, sind solche Klagen keine Überraschung. „Es häufen sich Meldungen von Lehrern, die einfach nicht mehr können“, berichtet er. Es gebe zahlreiche Ungereimtheiten. So sollen Mittelschüler in Berufsorientierungscamps fahren, obwohl Schulfreizeiten während der Corona-Pandemie untersagt sind. Derzeit werden die eingehenden Schreiben ausgewertet, noch vor den Herbstferien will Nitschke die Probleme im Ministerium ansprechen.
Auch der Personalmangel an den Grund- und Mittelschulen kommt in dem Brief zur Sprache. Seit Jahren kämpft das Kultusministerium mit Engpässen bei der Lehrerversorgung. Zuletzt fehlten 1400 Personen. Das schlägt langsam auch auf die Schulamts-Bezirke durch. So bestätigt das Schulamt Erding „Lücken“ in der Lehrerversorgung. Dort gibt es 20 Vollzeit- und 15 Teilzeit-Kräfte als Mobile Reserve, das heißt als „Springer“, wenn irgendwo im Landkreis ein Lehrer krank wird. 17 der Lehrer seien schon verplant, zehn davon pandemiebedingt. In einer Schule war die Not so groß, dass erwogen wurde, alle zweiten Klassen zusammenzufassen und sie durch einen Lehrer mit Mikro in der Turnhalle zu unterrichten. Dazu kam es dann doch nicht.
Eine Erleichterung ist der Einsatz von Teamlehrern – aber nur eine kleine. Seit Schulbeginn erlaubt das Ministerium den Einsatz von Aushilfen in der Klasse, die nur ein Hochschulstudium absolviert haben müssen, jedoch kein Lehramtsstudium. Sie sollen dort unterrichten, wo ein Lehrer wegen Corona zuhause bleiben muss, jedoch nach wie vor eine Dienstverpflichtung hat. Dann managt dieser die Klasse mit dem Teamlehrer von daheim. Im Schulamt Fürstenfeldbruck konnten fünf derartige Aushilfen gewonnen werden, berichtet die Schulrätin Bettina Betz. Darunter sind eine Anwältin und ein Physiker, beide unterrichten jetzt eine Mittelschulklasse. Der Aufwand sei beachtlich, sagt Betz. „Wir führen laufend Bewerbungsgespräche“, manche wollen nur Teilzeit, andere springen wieder ab.
Im Brief der Personalrätin aus Oberbayern werden die Teamlehrer als keine Hilfe eingeschätzt. Sie seien ungelernt und müssten betreut werden. Sie fordere, den Personalmangel und die „in Bälde zu erwartenden Einschränkungen bei der Beschulung der Kinder“ stattdessen „ehrlich in der Öffentlichkeit zu kommunizieren“. dw/ham/mül