München – Wenn Markus Bretschneider, Diözesanausbildungsreferent bei den Maltesern im Erzbistum München und Freising, zur derzeitigen Situation in den Erste-Hilfe-Kursen gefragt wird, dann spricht er zuerst eines an: „den dramatischen Rückgang an Ersthelfern“. Die Zahl der Menschen, die die Malteser in Erster Hilfe ausbilden könnten, sei um 40 bis 50 Prozent gesunken, sagt Bretschneider. „Und das sind genau die Menschen, die dann auf der Straße fehlen.“
Grund ist dabei nicht, dass die Menschen aus Angst vor einer Corona-Ansteckung einen Erste-Hilfe-Kurs derzeit nicht besuchen wollen. „Das mag vielleicht im Einzelfall so sein, ist aber nicht der entscheidende Faktor“, sagt Bretschneider. Die Kurse seien voll. Nur eben mit weniger Teilnehmern. „Wir nehmen die Hygienevorschriften wie Abstandsregelungen sehr ernst“, sagt Bretschneider. „Deshalb mussten wir die Anzahl der Teilnehmer in den Kursen stark verringern.“ Vor Corona lag die maximale Teilnehmerzahl bei 20. Jetzt liegt sie, je nach Größe und Schnitt des Kursraumes, nur mehr zwischen sieben und 15 Teilnehmern.
Beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) ist die Lage ähnlich. „Wir bilden zurzeit rund ein Drittel weniger Ersthelfer aus als vor Corona“, sagt Werner Hoffmann, Projektleiter Erste-Hilfe-Kurse unter Covid-Bedingungen. Auch Hoffmann nennt die Abstandsregelungen in den Kursräumen als Hauptgrund. Hinzu kommt aber, sagt er, dass auch nach Nachfrage aus der Industrie spürbar nachgelassen hat. Firmen sind verpflichtet, einen bestimmten Teil ihrer Belegschaft in Erster Hilfe aus- und fortbilden zu lassen. „Die Unfallkassen und Berufsgenossenschaften haben den Firmen aber die Möglichkeit gegeben, die Erste-Hilfe-Kurse zu verschieben.“
Die Hilfsorganisationen haben ihre Schulungskonzepte in Zeiten von Corona angepasst, mit durchaus kreativen Lösungen. „Der Druckverband“, sagt Hoffmann, „lässt sich hervorragend an einer Schwimmnudel üben. Gleichzeitig wahren die Teilnehmer den Abstand.“ Andere Partnerübungen, etwa die stabile Seitenlage, werden nur mit Mund-Nasen-Schutz und Handschuhen durchgeführt oder per Film erklärt. „Auch in Corona-Zeiten decken wir alle relevanten Bereiche der Ersten Hilfe ab“, betont Hoffmann.
Das gilt auch für die Atemspende. Diese wird erklärt und gezeigt. Aber dass jeder Teilnehmer sie wie früher an einer Puppe übt, das ist aufgrund einer möglichen Ansteckungsgefahr derzeit nicht möglich. Die Atemspende ist es auch, die bei den Kurs-Teilnehmern besonders viele Fragen aufwirft. Müssen sie die Atemspende leisten, auch in Zeiten von Corona? „Der Eigenschutz stand auch schon vor Corona an erster Stelle“, sagt Bretschneider. „Jeder hat die Pflicht zu helfen, aber ob man eine Atemspende gibt, liegt im eigenen Ermessen.“ Wissen sollte man dabei allerdings, dass eine Reanimation mit Atemspende immer effektiver ist als ohne – und dass Kinder, die wiederbelebt werden müssen, besonders auf eine Atemspende angewiesen sind.
Als Eigenschutz-Maßnahmen empfehlen die Hilfsorganisationen den Ersthelfern einen Mund-Nasen-Schutz, Handschuhe und, wenn bei der Hand, eine Schutzbrille zu tragen. Zum Schutz vor Aerosolen können Mund und Nase des Verunglückten, etwa bei einer Herzdruckmassage, mit einem luftdurchlässigen Tuch bedeckt werden. „Die Hemmschwelle, in Corona-Zeiten Erste Hilfe zu leisten, mag höher geworden sein“, sagt Brettschneider, „aber gerade angesichts der sinkenden Ersthelfer-Zahlen rufe ich jeden dazu auf, Erste Hilfe zu leisen.“ Im Notfall sei schnelle Hilfe wichtig. „Da sind Ersthelfer die Menschen, die über Leben und Tod entscheiden können.“