„Wir haben die Fichte aufgegeben“

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

München/Iphofen – Vor 32 Jahren hat Rainer Fell seinen Dienst als Förster im unterfränkischen Iphofen angetreten. Doch so immense und vor allem anhaltende Waldschäden wie in den vergangenen Jahren hat er noch nie erlebt. „Wir haben hier über 100 Jahre alte Waldstücke, die zur Geisterkulisse geworden sind.“ Die Bäume sterben. Nicht nur wegen des Borkenkäfers, sondern weil es ihnen an Wasser fehlt. „Die Fichte haben wir hier de facto aufgegeben“, sagt Fell. Die Bestände, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt wurden, verschwinden. Und Fell muss machtlos zusehen. „An Forstwirtschaft ist da teilweise nicht mehr zu denken. Es geht nur noch darum, die Vegetationsform Wald an sich zu erhalten.“

Die vergangenen drei Trockenjahre haben den Wäldern in ganz Bayern stark zugesetzt. Das zeigt der jüngste Waldbericht des Forstministeriums, den Ministerin Michaela Kaniber (CSU) gestern im Agrarausschuss des Landtags vorstellte. Darin wird der Zustand des Waldes am mittleren Nadel- und Blattverlust aller Baumarten gemessen. Dieser Verlust ist im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Punkte auf 28 Prozent angestiegen. Besonders dramatisch ist die Lage im Norden Bayerns, dort liegt die Quote gar bei 32 Prozent. Oberbayern rettet der Regen, hier liegt der Verlust unter dem bayernweiten Schnitt. „Der Klimawandel schreitet unerbittlich voran“, sagt Kaniber. Das sei zwar nicht überraschend, aber trotzdem erschreckend.

Als der Bericht zuletzt vor drei Jahren im Landtag vorgestellt wurde, konnte die Forstverwaltung noch eine langsame Erholung vermelden. Damals diskutierten die Abgeordneten noch darüber, ob die satten Gewinne der Staatsforsten nicht vollständig in den Waldumbau fließen sollten. Doch die vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. In den Wäldern sowie in der Bilanz der Staatsforsten, die heuer durch die dramatischen Preiseinbrüche auf dem Holzmarkt erstmals ins Minus rutschten.

Viel Geld steckt der Freistaat dennoch in den Waldumbau, zuletzt wurde ein Förderprogramm von rund 80 Millionen Euro für Bayerns Waldbesitzer aufgelegt, um auch die privaten Forstgebiete fit für die Zukunft zu machen. Für diese Anstrengungen gibt es im Landtag auch von der Opposition Lob. Am grundsätzlichen Kurs der bayerischen Forstpolitik stören sich die Abgeordneten kaum. Dafür bemängelte etwa die SPD eine zu dünne Personaldecke in den Forstverwaltungen. Und die Grünen erneuerten ihre Forderung, der Freistaat müsse beim Holzbau als Vorbild voranschreiten. Die FDP forderte mehr Mut in der Erprobung neuer Baumarten.

In der ziemlich düsteren Bilanz zum Zustand des Waldes findet sich aber auch ein Hoffnungsschimmer. Und zwar die Eiche. Die hat sich in den vergangenen Jahren als besonders trockenresistent erwiesen – betrachtet man nur diese Baumart, gingen die Schäden sogar zurück. Diese Entwicklung kann Förster Rainer Fell bestätigen. „Von den vier heimischen Hauptbaumarten Fichte, Kiefer, Buche und Eiche bleibt für uns eigentlich nur noch die Eiche übrig.“ Also blickt Fell mittlerweile in wärmere Gefilde wie Südfrankreich oder Mittelitalien, wenn er sich nach neuen Baumarten umsieht. So dürften in Zukunft in Franken sogar Arten wie die Orientbuche aus Kleinasien oder die in Südosteuropa verbreitete Baumhasel heimisch werden. Ein paar Jahre hat Fell noch, bis er die Verantwortung für „seinen“ Wald weitergibt. Und er will sich nicht nachsagen lassen, dass er nicht alles getan hat, um ihn zu retten.

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