Im Kindesalter mit nur zwölf Jahren zum Vollwaisen zu werden, sein Leben von nun an in die eigenen Hände nehmen zu müssen – unvorstellbare Gedanken in unserer heutigen Zeit. So erging es Thomas Bacher (geboren am 21. Dezember 1863 in Traubing am Starnberger See), den es als Jugendlichen auf einen Hof nach Thalham bei Miesbach verschlug – als Dienstbub. Der „Bräu-Dammer“ wuchs zu einem großen, kräftigen Mannsbild heran. Er selbst sah sich der Überlieferung nach als Nachfolger vom Schmied von Kochel.
Schon im Alter von nur 23 Jahren wurde er zum Haberermeister gewählt. Er war der letzte offizielle Haberermeister, der diesem Geheimbund vorstand, ehe das Haberfeldtreiben, eine Art illegales Rügegericht, untersagt wurde. Und das aus gutem Grund, denn in Miesbach gab es im Oktober 1893 einen regelrechten Aufruhr, den Thomas Bacher anführte. Im Historischen Lexikon Bayerns heißt es dazu:
„Kurz nach 12 Uhr zogen aus dem Wald über 100 schwarze Gestalten lärmend gegen Miesbach heran. Gleichzeitig läutete man in der Pfarrkirche Sturm und in der Folge eilten unzählige Miesbacher auf die Straßen, dem Schauplatz des Treibens zu, der auf einem Plateau lag, dem sog. Stadelfeld (,Baderwirtschaftswiese‘).“
Und weiter: „Gendarmen unter Leitung des Bezirksamtmanns Carl Riezler, dem Ort und Zeitpunkt des Treibens zugetragen worden waren, rückten gegen die Haberer vor. Nach einmaliger Warnung durch die Gendarmerie wurde scharf geschossen. Das Treiben musste aufgrund der Schießerei abgebrochen werden.“
Bacher selbst wurde nach Verrat aus den eigenen Reihen 1896 verhaftet und zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Trotzdem verriet er in der Haft keinen anderen Haberer. Das wird ihm bis heute im Oberland hoch angerechnet.
Ebenfalls ein Relikt aus dieser Zeit: Noch heute wird in Westerham der Stopselhut, der im Jahre 1907 als Festtagshut eingeführt wurde, getragen. Zweige der Stechpalme als Ausdruck für die Schmerzen der Kerkerhaft und die roten Moosröschen, die das unnütze Blutvergießen symbolisieren, schmücken den Hut. Dazu gehört eine weiße Hahnenfeder – nur dem Haberermeister ist es vorbehalten, je mit einer weißen und einer schwarzen Feder seinen Hut zu schmücken.
Mehrere Jahre saß Thomas Bacher im Gefängnis, ehe er 1900 wegen guter Führung vorzeitig freikam. An Haberfeldtreiben nahm er nicht mehr teil. Ohnehin kann man nur warnen, den Brauch zu romantisieren. Haberfeldtreiben sind seit mindestens 1717 im Raum Tölz, Tegernsee, Ebersberg nachweisbar. Es ging nicht nur gegen die Obrigkeit, gegen Pfarrer und reiche Bauern, sondern auch gegen Mütter mit unehelichen Kindern und sozial randständige Personen.
Bacher suchte sich im Trachtenverein Westerham ein neues Betätigungsfeld. Seit 1919 leitete er den Gauverband I. Damit war er Bayerns oberster Trachtler. 1938 unter den Nazis mussten er und sein Vize Conrad Adlmaier die Ämter niederlegen. Die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ versuchte immer stärker, die Trachtenvereine zu okkupieren. Noch bevor die Trachtler nach Ende des Krieges eine Neugründung wagten, verstarb Bacher mit 82 Jahren am 21. November 1945. ANTON HÖTZELSPERGER/ DIRK WALTER