Lenggries/Kiel – Sein Auftrag war eigentlich ein ganz anderer. Der Unterwasserarchäologe Florian Huber aus Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) sollte mit seinem Team von der Kieler Firma Submaris in der Ostsee nach sogenannten Geisternetzen suchen. Das sind herrenlose Fischernetze, die durchs Meer treiben und für Meerestiere gefährlich werden können. In genau so einem Netz hatte sich jedoch eine Art Zeitkapsel verfangen. Das Team um Huber holte das Objekt aus dem Wasser und schnitt es auf dem Boot aus dem Netz. Es handelte sich bei dem Fund um ein Exemplar der mythenumwobenen Chiffriermaschine Enigma, die im Zweiten Weltkrieg verwendet wurde. So ein Fund komme im Leben eines Unterwasserarchäologen nur einmal vor, sagt Huber. „Das ist ein Stück Technikgeschichte vom Feinsten.“
Die Enigma hatte vermutlich 75 Jahre lang in der Geltinger Bucht geschlummert. Insgesamt gab es einmal rund 100 000 Stück davon, erhalten sind nur noch wenige. Die Nazis hatten diese Geräte nach der Niederlage systematisch vernichtet, weltweit gibt es heute noch 400 Exemplare – nur wenige davon sind öffentlich zu besichtigen. Eines steht im Deutschen Museum in München.
Die Enigma besteht im Wesentlichen aus einer Tastatur, einem Walzensatz mit drei oder vier austauschbaren Walzen sowie einem beleuchteten Buchstabenfeld. Der deutsche Ingenieur Arthur Scherbius hatte das Gerät einst erfunden. Über die Enigma wurde während des Zweiten Weltkriegs der größte Teil der Funksprüche der Wehrmacht und der Marine vor dem Absenden entschlüsselt. Um so eine Nachricht zu dekodieren, musste der Empfänger alle Einstellungen der Sende-Enigma kennen.
In Schleswig-Holstein gehören archäologische Funde, die keinem Eigentümer mehr zugeordnet werden können, automatisch dem Land. Huber hat seinen Fund sofort gemeldet. „Im Museum ist die Enigma am besten aufgehoben“, findet er. Wertlos ist sie aber keinesfalls. Im Autkionshaus Sotheby’s ist eine Enigma einmal für 800 000 Dollar versteigert worden.
Florian Huber geht davon aus, dass die gefundene Enigma im Zusammenhang mit dem „Regenbogen-Befehl“ vor Kriegsende steht. In der Nacht zum 5. Mai 1945 war die Geltinger Bucht Schauplatz einer groß angelegten Selbstversenkungsaktion der deutschen Kriegsmarine. Die Besatzungen von rund 50 U-Booten versenkten damals ihre Schiffe, um sie nicht an die Siegermächte übergeben zu müssen. Der Zusammenhang, in dem die Enigma steht, ist eher düster. Den Briten war es damals gelungen, mit einer eigenen Maschine viele deutsche Funksprüche zu entschlüsseln. „Nach Ansicht der Historiker hat das dazu beigetragen, den Krieg schneller zu beenden“, sagt der 45-jährige Lenggrieser.
Aus dem Fund wird sich wohl noch so einiges ablesen lassen. Die Maschine hat sich im Ostseeschlamm sehr gut konserviert. Nun wird die Enigma erst mal in eine Restaurierungswerkstatt des Museums für Archäologie kommen. Vielleicht werden dort einige Rätsel um die alte Maschine gelöst.
VON ANDREAS STEPPAN