Sein Name ist Programm – und das seit über einem halben Jahrhundert. Nikolaus Wiedemann, 77, zieht seit 61 Jahren am Nikolausabend und Nikolaustag ab Dämmerungsbeginn mit Geschenken im Isarwinkel von Haus zu Haus. In all den Jahren hat er schon viel erlebt, doch „dass solche Maßnahmen wie heuer mal nötig sind, damit hätte ich nie gerechnet“, sagt er.
Die Ehrenaufgabe, den großen, schweren goldenen Stab des Nikolaus zu halten, darauf müssen die Kinder in Lenggries deshalb verzichten. Und auch die Mandarinen, Nüsse und den Gewürzspekulatius, den Wiedemann dabei hat, dürfen die Kinder nicht aus seinen Händen picken. „Das ist mir dieses Jahr einfach zu nah und zu gefährlich“, sagt er. Trotzdem besucht er dieses Wochenende Kinder und Familien. Der 5. Dezember ist ihm heilig. „Als ich selbst noch ein junger Bursche war, mein Gott, war das immer schee, wenn der Nikolaus kam, wir sind ihm teilweise auf der Straße hinterhergelaufen“, erinnert er sich. Diese Freude will er auch in diesem sonderbaren Jahr weitergeben. Die Geschenke für die braven Kinder hat er alle in einem Sack. „Den stelle ich dann ab und die Eltern müssen die Packerl dann selber verteilen.“ Zu den meisten Familien kommt Wiedemann dieses Jahr nur an die Haustür oder in den Garten. Wenige besucht er im Haus. „Aber nur, wenn es mit mir nicht mehr als zwei Haushalte sind, nicht viele Kinder dabei sind und ich auch drinnen genug Abstand halten kann.“ In diesen Sonderfällen müssen auch die Fester alle weit offen sein. „Ich habe das Prozedere mit jeder Familie individuell abgesprochen“, erklärt er.
Dabei hat selbst der barmherzige Nikolaus unantastbare Prinzipien. „Einer Familie musste ich absagen, die wollten mit vier Eltern und acht Kindern feiern“, erzählt er. „Aber na, da bin ich raus.“ Auch der Krampus kommt heuer nicht mit. „Aber das ist keine große Veränderung, mein Krampus ist schon vor fünf Jahren in Rente gegangen“, sagt er und lacht.
Trotzdem macht ihn eine Sache traurig. Früher sei er durchwegs in adventlich geschmückte Stuben eingetreten, die Kinder hätten aufgeregt gewartet, Musik gemacht, Gedichte vorgetragen. „Die vergangenen Jahre ist es immer wieder vorgekommen, dass ich eingetreten bin, der Vater rauchend mit einem Bier auf der Couch war und die Mutter erst mal suchen musste, wo die Kinder sind. Zu so Familien bin ich die Folgejahre nicht mehr gekommen.“ FELICITAS BOGNER