Mentoren helfen Pflege-Azubis

von Redaktion

VON IRENA GÜTTEL

Nürnberg – Selina Wang freut sich schon auf ihren Einsatz auf der Corona-Intensivstation – weil sie helfen möchte. „Ich bin stolz darauf, gerade in Zeiten von Corona systemrelevant zu sein und einen Beitrag zur Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems leisten zu können“, sagt die Pflegeschülerin aus Nürnberg. Sie freut sich aber auch wegen der Arbeitsbedingungen. „Da hat man nur wenige Patienten zu versorgen und kann sich für sie mehr Zeit nehmen.“

Die 20-Jährige ist inzwischen im dritten Ausbildungsjahr. „Man wird von Anfang an sehr gefordert und muss Verantwortung tragen. So fühlt man sich manchmal wie ins kalte Wasser gestoßen.“ Sie habe dadurch viele spannende Erfahrung sammeln können, sagt sie. Doch hin und wieder habe sie auch gezweifelt, ob die Ausbildung wirklich die richtige Wahl war. Wie der jungen Frau geht es vielen Pflege-Azubis, doch nicht immer bleibt es nur bei Zweifeln. In Bayern liegt nach Angaben des Kultusministeriums der Anteil der Pflegeschüler, die ihre Ausbildung im ersten Jahr ab- oder unterbrechen, bei rund 19 Prozent.

Zu Beginn der Ausbildung waren in Selina Wangs Klasse 35 junge Leute, elf von ihnen haben inzwischen aufgehört. „Manche halten diesem Druck nicht stand, den der Schichtdienst mit sich bringt“, sagt sie. Dazu komme noch der Personalmangel. „Während einer Schicht muss eine Pflegekraft in der Regel zehn Patienten betreuen. Eine ganzheitliche Pflege ist da nicht immer möglich“, sagt Wang.

Dass Deutschland mehr gut ausgebildete Pflegekräfte braucht, zeigt sich gerade in der Corona-Krise sehr deutlich. Im Oktober waren 35 000 Stellen in der Pflege unbesetzt. Und künftig wird der Bedarf wegen des demografischen Wandels weiter steigen, vor allem in der Altenpflege. Mit der Konzertierten Aktion Pflege will die Bundesregierung den Pflegenotstand in Kliniken und Pflegeheimen mindern. Ein Ziel ist, die Zahl der Azubis bis 2023 um zehn Prozent zu steigern. Der Wegfall des Schulgelds in diesem Jahr und eine neue Ausbildung, die erst einmal alle Bereiche der Pflege vereint, sollen den Einstieg attraktiver machen.

Ob die Reform wirkt, kann das Bundesfamilienministerium noch nicht sagen. Bundesweite Zahlen für das Schuljahr 2020/2021 liegen noch nicht vor. In Bayern stieg die Zahl der neuen Azubis im Vergleich zum Vorjahr aber um zehn Prozent. Doch am Ende wird es nicht nur darum gehen, mehr junge Leute für die Pflegeausbildung zu gewinnen, sondern sie auch zu halten.

Seit Mitte September können sich Pflege-Nachwuchskräfte in Bayern an vier Mentoren am Landesamt für Pflege wenden, wenn sie Probleme in der Ausbildung haben. Diese beraten die jungen Leute kostenlos und anonym am Telefon. Einer von ihnen ist Simon Bayer, 34 Jahre, davor Leiter eines Altenheims. Es gehe darum, den Azubis Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, sagt Bayer. „Es ist wichtig, dass jemand vom Fach sich Zeit nimmt, um ihnen zu zuhören und einfühlsam mit ihnen in Kontakt zu treten.“

Denn daran mangelt es oft im Alltagsstress in den Einrichtungen, wie Selina Wang selbst schon erfahren hat. Als sie noch in ihrem ersten Lehrjahr war, musste sie vier tote Menschen waschen – und war völlig unvorbereitet. Als sie weinte, erntete sie Kritik. „Nicht alle Kolleginnen und Kollegen hatten Verständnis dafür, dass ich damit echte Probleme hatte“, sagt die 20-Jährige. Doch oft geht es auch um rein praktische Probleme, wie Bayer berichtet. Kürzlich habe jemand angerufen, der Schwierigkeiten mit dem E-Learning hatte. Oder es gehe um die Arbeitszeiten oder sprachliche Probleme bei Auszubildenden, die aus dem Ausland stammten. Bayer vermittelt den jungen Leuten die richtigen Anlaufstellen, informiert sie über ihre Rechte und stärkt ihnen den Rücken.

„Im beruflichen Alltag wird man manchmal ein bisschen betriebsblind, was die Bedürfnisse der Auszubildenden angeht“, sagt er. „Da können Auszubildende es schwer haben, sich durchzusetzen. Deshalb ist es sinnvoll, wenn sie sich anonym beraten lassen können, ob es richtig ist, was sie da machen.“

Die vier Pflege-Mentoren sind in dieser Form bundesweit einmalig. Bayer und seine drei Kolleginnen sehen sich aber nur als ein Baustein, der die Bedingungen für die Pflege-Azubis verbessern soll. „Es muss noch mehr gemacht werden“, sagt er. Dabei sieht er vor allem die Schulen gefragt, die in engem Kontakt mit den jungen Leuten ständen, und die Einrichtungen, die am meisten davon profitierten, wenn es weniger Abbrüche gebe.

Seit ihrer Kindheit wollte Selina Wang in einem sozialen Beruf arbeiten. Nach einem Aufenthalt im Krankenhaus stand für sie fest, dass sie Krankenpflegerin werden will. Doch ziemlich schnell kam für sie eine Art Praxis-Schock. Pflege-Azubis sind vom ersten Tag an als Arbeitskraft eingeplant, kaum jemand hat Zeit, etwas zu erklären oder aufzufangen. Selina Wang hat Glück. Sie habe eine Familie und Freunde, die sie an schlechten Tagen auffingen, sagt sie. Und trotz des Zeitdrucks und belastender Momente habe sie immer noch ein gutes Gefühl bei ihrer Arbeit. „Ich spüre viel Dankbarkeit und Respekt von den Patienten.“

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