In die menschliche Natur ist der Winterschlaf – warum weiß eigentlich keiner – nicht eingebaut worden. Was der Herr dort oben Dachs und Bär, Igel und Fledermaus gewährt hat, ist der „Krone der Schöpfung“ versagt geblieben. Ohne die Anordnungen der höchsten Planstelle kritisieren zu wollen, darf man doch so viel sagen, dass der Gedanke eines menschlichen Winterschlafs bestechend ist. Schon mit einiger Fantasie kann man sich ausmalen, wie es wäre, wenn…
Angenommen, der 6. Dezember stünde seit Kaiser Karl dem Großen rot im Kalender als erster Winterschlaftag. Dann legten sich an diesem Tag überall in Europa die Menschen, ob groß ob klein, ob jung ob alt, in ihr Federbett, stellten den Wecker auf den 6. März, 7 Uhr, streckten sich zufrieden aus und schliefen mit einem befreiten Seufzer ein. Denn sie haben ja die Gewissheit: Nicht nur sie selber sind nun ein Vierteljahr gut auf ihren Matratzen aufgehoben, es schlafen auch die Finanzämter, die Strafzettelverteiler, die Ohrenhöhler, die Trickbetrüger, die Staatsanwälte, die Bürovorsteher und die Regierung.
Schauen wir einmal in eine typische Münchner Familie hinein, die sich heute termingerecht zum Winterschlaf rüstet. Schon am frühen Abend lässt der brave Hausvater die Jalousien herab, schlurft dann noch einmal kontrollierend durch die Zimmer und gähnt dabei immer herzhafter. Die Kleinen liegen schon im Bettchen. Die Mutti in einem wallenden Nachthemd beugt sich zärtlich über sie: „Schlaft recht gut, ihr zwei, und vergesst nicht, im Januar einmal aufs Töpfchen zu gehen!“ – „Arthur“, sagt die Frau dann, sich gleichermaßen dem Bett wie ihrem Gemahl zuwendend, „beeil dich, damit dich der Winterschlaf nicht wieder in der Küche überfällt wie vor ein paar Jahren. Du weißt schon, als du bis zum 6. März auf dem unbequemen Hocker geschlummert und dir das Rückgrat verkrümmt hast!“
Ein Gang durch München zur Winterschlafzeit ist etwas Gespenstisches. Die Baustellen liegen herum wie Mondlandschaften und die Türen der Häuser sind verrammelt. Durch die Stadttore heult der Wind, nachts streunen manchmal Füchse durch die Fußgängerzone und heulen den Mond und die Frauentürme an. Tagelang schneit es, und niemand räumt die Gehsteige und Straßen. Warum auch? Die Bürger schlafen wie die Murmeltiere. Allerorten ruht der Verkehr, sogar auf dem Mittleren Ring.
Wenn dann die Stadt am 6. März, wie von einer Zauberhand berührt, wieder erwacht, lacht meistens die Sonne vom Frühjahrshimmel. Alles ist gut ausgeschlafen und daher bester Laune. Um sich wieder langsam ans Leben zu gewöhnen, nimmt jeder erst einmal drei Wochen Urlaub. Die deutsche Politik, eifrig wie sie ist, macht sogleich da weiter, wo sie aufgehört hat: am Nullpunkt. Wenigstens haben die Politiker, während sie schliefen, nichts verderben können. Das soll nun wieder anders werden! Morpheus sei es geklagt, dass man uns Menschen um den Winterschlaf betrogen hat!
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber