von Redaktion

„Dann sterb ich lieber“ – diesen Satz hören Lydia Staltner und Markus Matt von der Lichtblick-Seniorenhilfe gerade häufig. Viele alleinstehende alte Menschen seien durch die Pandemie völlig isoliert, berichten sie. Sie trauen sich nicht mehr aus dem Haus und vereinsamen immer mehr. Helfen könnte jeder einzelne, appellieren sie.

Wie geht es den Senioren, die Sie betreuen, aktuell?

Lydia Staltner: In unserem Büro rufen sehr viele Senioren an, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Einige wissen nicht, wie sie ihre Medikamente abholen können oder wie sie einkaufen sollen. Wer keine Verwandten hat, ist völlig auf sich gestellt. Einige bekommen vielleicht Unterstützung durch die Nachbarn, doch den meisten fehlen Ansprechpartner. Sie sind sehr einsam. Vergangene Woche habe ich mit einer 90-Jährigen gesprochen. Sie sagte mir, dass sie jetzt sechs Wochen lang mit niemandem mehr geredet hat. Sie hatte Geburtstag in dieser Zeit – und war völlig allein. Was sie jetzt erlebe, sei schlimmer als der Krieg, sagte sie.

Was lösen solche Sätze in Ihnen aus?

Staltner: Ich rege mich wahnsinnig auf. Darüber, dass die Politik sagt, sie will alte Menschen schützen, sie aber völlig allein lässt. Natürlich gibt es Telefondienste. Aber Leute, die verängstigt und einsam sind, wenden sich nur an Menschen oder Organisationen, die sie kennen. Sie rufen nicht irgendwo an.

Markus Matt: Die Politik versäumt es leider, neben all den Nachrichten über Gefahren und Risiken, mit denen wir grade leben müssen, etwas Positives zu verbreiten. Es wäre so wichtig, auch Hoffnung und Zuversicht zu spenden – gerade für Senioren.

Besteht bei vielen Senioren die Gefahr, dass sie depressiv werden?

Matt: Eindeutig ja – leider nicht selten bis hin zu konkreten Selbstmordgedanken. Staltner: Wer sich weggesperrt fühlt oder keine Perspektive mehr hat, kann leicht den Lebensmut verlieren. Bei vielen Senioren, die wir lange betreuen, ist das Lachen verschwunden. Ich blicke so oft in traurige Augen. Auch in der Stimme von vielen schwingt viel Traurigkeit und Kraftlosigkeit mit.

Haben die Senioren mehr Angst vor Corona oder vor der Einsamkeit?

Staltner: Ich glaube, vor beidem gleichermaßen. Die Nachrichten machen ihnen Angst. Selbst für die, die Angehörige haben, ist die Situation sehr schwer. Meine Mutter lebt in einem Altenheim. Ich muss jeden Tag einen negativen Schnelltest mitbringen, wenn ich sie besuchen möchte. Den muss ich selbst zahlen. Ich kann mir das leisten, viele Familien aber nicht.

Über die Menschen in den Heimen wird viel gesprochen. Werden Senioren, die allein leben, vergessen?

Staltner: Ja, ganz klar. Ich habe den Verein Lichtblick damals gegründet, um alten Menschen in finanzieller Not zu helfen und um sie aus ihrer Einsamkeit zu holen. Sie sollten ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen dürfen. Doch nun werden gerade alte Menschen durch die aktuellen Maßnahmen isoliert. Man nimmt ihnen die Lebensqualität.

Was könnte die Politik konkret für die einsamen Senioren tun?

Matt: In einigen Ländern gibt es feste Einkaufszeiten für Senioren – sie können dann zum Beispiel zwischen 9 und 11 Uhr mit weniger Angst einkaufen gehen. Das, am besten in Verbindung mit Gratis-FFP2-Masken für Senioren, wäre eine sinnvolle Hilfe. Dann könnten viele alte Menschen wenigstens ein Stück weit wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Was tut Ihr Verein für die einsamen Menschen?

Staltner: Wir haben seit dem ersten Lockdown 13 000 Lebensmittelpakete vor die Türen bedürftiger Senioren gestellt und 10 000 hochwertige Masken verschickt. Außerdem haben wir 400 000 Euro Soforthilfe ausgezahlt, damit Senioren ihre Nachbarn bitten konnten, für sie einkaufen zu gehen. Besuchen können wir die Leute aktuell leider nicht. Die Kommunikation läuft über das Telefon – es kommen viele Anrufe. Für viele Senioren ist das die einzige Chance, mit jemandem zu reden.

Wie hat sich die Stimmung seit dem ersten Lockdown verändert?

Staltner: Die Stimmung war am Anfang noch viel besser, jetzt ist sie am Boden. Dazu kommt natürlich: Im Frühjahr und Sommer hatten wir Licht, jetzt wird es so früh dunkel. Es gibt Rentner, die machen nicht mal mehr die Vorhänge auf. Sie lassen kein Licht mehr in ihre Seele – im Wortsinn. Sie geben auf.

Matt: Viele verlieren gerade den Lebensmut, einige sprechen auch sehr offen darüber. Ein Satz, der immer wieder fällt, ist: „Dann sterb ich lieber.“ Oder: „Dann infizier ich mich halt. Es ist vielleicht sowieso mein letztes Weihnachten, das will ich nicht einsam verbringen.“

Wie können Außenstehende helfen?

Staltner: Sie können die Arbeit unseres Vereins mit Spenden unterstützen. Aber jeder kann auch in der eigenen Nachbarschaft schauen, ob jemand einsam ist oder Hilfe brauchen könnte. Man kann einen netten Zettel in den Briefkasten werfen und Hilfe anbieten. Oder der alten Frau, die aus dem Mülleimer Pfandflaschen fischt, einfach fünf Euro in die Hand drücken. Es muss nicht immer etwas Großes sein. Mehr Miteinander, mehr Gefühl für einander – gerade für die Menschen, die niemanden haben.

Interview: Katrin Woitsch

Hilfe für Senioren

Die Lichtblick-Seniorenhilfe ist unter der Nummer 089/67971010 erreichbar. Das Spendenkonto lautet: DE30  7009 0500 0004 9010 10.

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