München – 1700 Jahre Juden in Deutschland – dieses bundesweite Gedenkjahr findet auch in Bayern Beachtung: Ausstellungen, Vorträge und Fachkongresse werden sich der jüdischen Kultur und Geschichte in Bayern widmen. Juden gehören selbstverständlich zu Bayern und Deutschland, sagte der frühere Kultusminister und heutige Antisemitismusbeauftragte für Bayern, Ludwig Spaenle, der sich hier besonders engagiert. Er verfolgt in dem Gedenkjahr auch eine ganz bestimmte Absicht: „Nur mit Wissen können wir nachhaltig antisemitischen Positionen den Boden entziehen.“
Anlass für das Jubiläumsjahr ist eine Urkunde des römischen Kaisers Constantin, durch die für das Jahr 321 n. Chr. erstmals Juden in Köln nachgewiesen werden können. Bayerns jüdische Geschichte ist, soweit man sich auf schriftliche Quellen verlässt, um einiges kürzer: Erst 981 wird in einer Urkunde von Kaiser Otto II. dem Kloster Emmeran in Regensburg das Eigentum an einem Landgut bestätigt, das das Kloster von dem Juden Samuel gekauft hatte. Das Original befindet sich heute im Hauptstaatsarchiv München. Jedoch lassen Grabungsfunde darauf schließen, dass es schon eine jüdische Siedlung in Regensburg seit römischer Zeit gab. Erst um 1020 wird erstmals eine jüdische Siedlung (habitacula Judaeorum) schriftlich erwähnt, heißt es in dem Standardwerk von Stefan Schwartz „Die Juden in Bayern im Wandel der Zeiten“. In Passau wird für 1204 ein Mautner namens David Judaeus genannt, der dazu berechtigt war, im Auftrag des Bischofs Straßenzölle zu kassieren. In München taucht 1227 ein Abraham de Municha auf – die erste Spur jüdischen Lebens in der Landeshauptstadt.
Die Geschichte der Juden in Bayern lässt sich schwer auf einen Nenner bringen – und oft ist man geneigt, sie auf Leid, Verfolgung und Mord zu reduzieren. Judenpogrome gab es schon im Mittelalter, erstmals 1338 in Deggendorf und Straubing, wo Volksmassen durch Berichte über eine angebliche Hostienschändung aufgestachelt wurden. Bekannt ist auch die von Albrecht Altdorfer mit Radierungen dokumentierte Alte Synagoge in Regensburg, die bei der Vertreibung der Juden aus der Stadt 1519 abgerissen wurde. Von hier kann man flugs eine Linie ziehen bis zum Pogrom („Reichskristallnacht“) 1938.
Doch das möchte Spaenle vermeiden. Ihm geht es auch um jüdische Kultur und das Leben der rund 18 000 Juden und 15 jüdischen Gemeinden in Bayern heute. Bayern will mit dem zum Jubiläumsjahr gegründeten Verein „321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ eine Kooperationsvereinbarung abschließen und sich aktiv einbringen. Von der Corona-Pandemie lasse er sich da nicht entmutigen, sagte er. So wird es im Jüdischen Museum München eine Ausstellung „Im Labyrinth der Zeiten“ geben, die Resten jüdischer Kultur nach dem Holocaust nachspürt (ab 17. März). Im Levi-Strauss-Museum Buttenheim (Kreis Bamberg) ist eine Ausstellung über „Fränkisch-jüdische Auswanderer nach Amerika im 19. Jahrhundert“ geplant (ab 22. Juli). In Untermerzbach (Unterfranken) wird eine ehemalige Synagoge eingeweiht, in Amberg die älteste Thorarolle Süddeutschlands aus dem Jahr 1793 an die israelitische Kultusgemeinde zurückgegeben. Zudem hat der alljährliche Geschichtswettbewerb der Schulen diesmal das jüdische Leben in Bayern zum Thema.
Zu den zahlreichen geplanten Projekten gehört auch die Digitalisierung von 300 Archiven ehemaliger jüdischer Gemeinden in Bayern, deren Schriftgut heute in Jerusalem verwahrt wird. In einem weiteren Forschungsprojekt werden alte jüdische Friedhöfe inventarisiert und Grabinschriften wissenschaftlich ausgewertet. Im November ist in München das Jahrestreffen der europäischen Rabbinerkonferenz geplant.
Zum Auftakt des Gedenkjahres in Bayern werden am kommenden Dienstag bei einer Digitalveranstaltung Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sprechen.