Roding – In seine kleine Wohnung im oberpfälzischen Roding (Kreis Cham) hat Gangerl die Erlebnisse seiner Reisen nach Hause geholt. Handgefertigte kunstvolle Masken, alte Gebetsbücher, ein Tigerhaigebiss, Pfeile von Ureinwohnern, ein Regal voller seltener Muscheln und mehrere Buddhafiguren beschlagnahmen jeden Zentimeter der Zimmer. Inmitten der vielen Reise-Andenken sitzt Gangerl an seinem Schreibtisch vor dem Laptop – ein Gegenstand, der neben den vielen Mitbringseln aus anderen Zeiten und anderen Kontinenten irgendwie fremd wirkt. Neben ihm liegen rund zehn externe Festplatten. Der 79-Jährige ordnet und sortiert seit mehreren Stunden tausende Bilder und Videoaufnahmen seiner großen Reise durch Afrika Ende der 90er. „Zwei Jahre war ich auf der Ladeklappe von Lastwagen, auf dem Rücken eines Esels oder per Fuß quer durch das Land unterwegs“, erinnert sich der Oberpfälzer. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit erlebte er während seiner drei Jahrzehnte andauernden Weltreise auf See und zu Land. Auch wenn ihn die Corona-Pandemie gerade etwas ausbremst – Gangerl lässt sich nicht vom Fernweh unterkriegen. Er geht auch im nebligen Bayerischen Wald positiv durch das Leben – trotz der trüben Stimmung, die derzeit oft herrscht.
Ein Optimist und Energiebündel war Gangerl schon immer. Auch wenn niemand an ihn geglaubt hat – er tat es. Zum Beispiel bei seinem Vorhaben, Mitte der Siebziger eine eigene Segeljacht zu bauen. Nach einem Besuch auf der Bootsmesse in Düsseldorf hatte Gangerl seinen Plan vor Augen. „Für einen Verrückten haben mich die Leute gehalten“, sagt er und lacht. Die Fältchen in seinem Gesicht spiegeln ein abenteuerliches und langes Leben wider, doch die blauen Augen sind immer noch so hellwach wie die eines Lausbubs. Schon als kleiner Junge hat es der Rodinger zuhause nicht ausgehalten. Er wollte raus, die Natur erkunden. Deshalb nannte seine Mutter in Gangerl. Auch heute ist sein Drang, die Welt zu entdecken, groß. Doch mit den Jahren wirkt Gangerl gelassener, in sich ruhend. Mit seinem weißen Bart und seinem Hippie-Hemd kann ihn nichts aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht einmal eine Pandemie, die ihn von seinem Lebenstraum abhält.
Nachdem der Entwurf vom eigenen Schiff feststand, arbeitete Gangerl ab 1975 neben seinem Beruf als Kunstschmied an seinem Vorhaben. In einem Stadl im Nachbarort Mitterdorf entstand Stück für Stück das 15 Meter lange Boot. Sein einziges Hilfsmittel: ein paar gekaufte Pläne. „Ich habe alles von der Pike auf selbst gebaut“, sagt Gangerl stolz. Nach zwölf Jahren kehrte der mittlerweile geschiedene Vater seiner Heimat den Rücken und machte sich mit dem Schiff „King of Bavaria“ auf den Weg zur großen Weltumsegelung. Gangerl steuerte donauabwärts durch die Balkanländer über das Mittelmeer und den Atlantik bis in die Karibik.
Touristengegenden mied der Rodinger auf seinen Reisen, er suchte das Wilde, das Extreme, den Kick. Nicht selten geriet er dabei in Gefahr. Fünf Mal war er schon im Gefängnis – auf verschiedenen Kontinenten. Irgendwie ist der Überlebenskünstler immer wieder freigekommen. Doch nun haben es keine Polizisten, sondern die Pandemie geschafft – Gangerl sitzt fest. Für ihn ist Bayern jedoch kein Gefängnis. Er kann zwar nicht schnell ins Flugzeug steigen, aber er kann ein Fotoalbum aufschlagen oder ein Andenken in die Hand nehmen und sich für einen Augenblick in die Zeit zurück versetzen.
Zum Beispiel zu einem seiner abenteuerlichen Unternehmungen. „Wenn ich keine Erlaubnis für etwas bekommen habe, dann hab ich es trotzdem gemacht“, erinnert er sich. Oft besuchte er eigenmächtig indigene Völker. Ihre Ehrlichkeit und Naturverbundenheit fasziniert ihn. Unterschiedlich reagierte die Ureinwohner auf den Mann in Lederhosen. „Man darf sich nicht als Tourist nähern“, erklärt Gangerl. „Die Kamera blieb immer zuerst im Rucksack.“ Meistens schaffte er es schnell, mit den Menschen warm zu werden. Einmal schossen die Ureinwohner jedoch mit Pfeilen auf ihn, nachdem er ein Kind auf seine Schultern gesetzt hatte. „Das bin ich um mein Leben gerannt“, erinnert sich der 79-Jährige.
Trotz Erlebnissen wie dieses änderte er an seinem Lebensstil nichts. 1993 segelte er alleine von Australien Richtung Südpol. Mitten auf dem offenen Meer türmten sich meterhohe Wellen vor seiner Yacht auf. Brecher, die selbst der erfahrene Segler noch nicht erlebt hatte. Sechs Tage wütete der Jahrhundertsturm „Polly“. Gangerl harrte die Zeit angeschnallt unter Deck aus, während der Zyklon sein Schiff durch das Wasser wirbelte. „Ich dachte damals, das war’s“, sagt er. Trotz der Lebensgefahr: „Angst hatte ich keine, ich habe mich mit dem Schicksal abgefunden.“ Mit einem zerstörten Schiff und mehreren Rippenbrüchen kam der Abenteurer in Neuseeland an. „Ich dachte, dass ich mit dem ganzen Scheiß aufhören sollte.“ Doch Gangerl erholte sich schnell und setzte seine Reise fort.
Der Lebenskünstler wanderte im Himalaya, fuhr die Seidenstraße entlang, durchkreuzte die Mongolei, segelte zu Inselgruppen im Pazifik und tauchte mit den Fischen auf den Seychellen. Sein letzter Stopp: Malaysia. Hier verbrachte Gangerl mit einem Freund den Lockdown, bis er im Juli zurück nach Deutschland flog.
Nachdem der 79-Jährige in den Sommermonaten viel im Bayerischen Wald wanderte oder mit seinem alten Wohnmobil unterwegs war, folgte vor knapp sechs Wochen das nächste Abenteuer in seinem Leben. Gangerl erkrankte an Covid-19. „Ich hatte fünf Tage 40 Grad Fieber und war im Krankenhaus.“ Mittlerweile ist er wieder fit und macht fast täglich Sport. „Mein Sohn hat mal gesagt, wenn eine Katze sieben Leben hat, dann habe ich 15“, sagt Gangerl und lächelt.
Das nächste Reiseziel des Weltenbummlers steht schon fest. Zu seinem 80. Geburtstag will er die kannibalischen Stämme Kombai und Korowai in Papua-Neuguinea besuchen. Ob die Pandemie seinem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung macht, ist noch unklar. „Wenn ich nicht wieder loskann, dann ist das halt mein Paradies“, sagt Gangerl und lässt seinen Blick über die Erinnerungsstücke seiner Abenteuer schweifen.
Weitere Infos
Über seine Reisen hat Gangerl zwei Bücher geschrieben. Außerdem hat der Weltenbummler einen eigenen Youtube-Kanal „Gangerl“ mit Videos über seine Erlebnisse. Kontakt: mail@sy-bavaria.de.