Otterfing – Der Schock sitzt immer noch tief. Vor knapp zwei Wochen ist Margarethe Guth aus Otterfing im Kreis Miesbach an Corona gestorben. Täglich hat sich der Zustand der 83-Jährigen verschlechtert. Da sich fast die gesamte Familie in Quarantäne befand, fuhr die Enkelin aus München nach Agatharied ins Krankenhaus, um ihrer Großmutter in den letzten Stunden vor dem Tod die Hand zu halten. Obwohl Margarethe Guth ein Leben mit vielen Schicksalsschlägen hatte, ist sie bis zum Schluss ein herzlicher Mensch gewesen.
Gretl, wie sie von allen genannt wurde, wurde am 30. Oktober 1937 in Ratzau in Tschechien geboren. Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Familie das Sudetenland jedoch verlassen – sie wurden vertrieben und strandete im Landkreis Miesbach. „Ein Bauer gab ihnen eine Unterkunft, später zogen sie in ein Haus in Lochham“, sagt Enkelin Lisa Pichler.
Schon lange träumte Gretl nach der Schule von einer Ausbildung als Krankenschwester. Ihre Eltern schickten sie jedoch mit 14 Jahren als Hausmädchen zu einer Münchner Familie. „Sie hat ihr Geld immer nach Hause geschickt, um ihre Eltern zu unterstützen“, sagt Pichler. Ein paar Jahre später bekam sie eine Stelle als Hauswirtschafterin in einem Jugendheim in Schliersee. Zu der Zeit lernte sie auch ihren zukünftigen Ehemann Fritz Vogl beim Tanzen kennen. Die beiden heirateten 1959 in Darching. Die vier Kinder Fritz, Werner, Gabi und Thomas krönten ihr Familienglück. Zu sechst wohnten sie in einer Wohnung des Molkereigebäudes in Schaftlach. „Mein Opa war Molkereifacharbeiter“, sagt Pichler. „Die Jahre in der Molkerei waren für meine Oma mit die schönsten, auch wenn sie von harter Arbeit, zahlreichen Entbehrungen und dem ein oder anderen Schicksalsschlag geprägt waren.“
1990 erhielt Vogl die Diagnose Krebs. Eineinhalb Jahre kümmerte sich seine Frau um ihn, bis er an der Krankheit starb und Guth mit ihren Kindern alleine dastand. Der jüngste Sohn wohnte noch zu Hause. „Meine Oma hat sich nie unterkriegen lassen“, sagt die Enkelin. Mit mehreren Jobs als Putzfrau und Haushaltshilfe hielt sie die Familie über Wasser.
Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes zeigte sich das Leben wieder von der schönen Seite. „Ein alter Schulfreund hat sich gemeldet“, sagt die Enkelin. „Die fanden sich damals schon gut.“ Auch die Frau von Josef Guth war verstorben. Nach einiger Zeit entwickelte sich eine Beziehung zwischen den beiden, sie zog zu ihm nach Otterfing. 1997 folgte die Heirat. „Sie hat ein zweites Leben gewonnen“, sagt Lisa Pichler.
2019 wurde Guths Leben erneut auf die Probe gestellt, nachdem ihr Zuhause abbrannte. „Sie mussten mitten in der Nacht das Haus verlassen.“ Ein Jahr später konnten sie wieder in das frisch renovierte Haus ziehen. „Meine Oma war immer ein positiver Mensch, trotz allem, was passiert ist. Sie war immer für einen da.“
Die Familie bedeutete Margarethe Guth alles. Wenn sie ihre Kinder, ihre acht Enkel und vier Urenkel um sich hatte, ging ihr das Herz auf. „Familie, das war ihr das Wichtigste im Leben“, sagt die Enkelin. Umso trauriger ist es, dass sie nicht im Kreise ihrer Liebsten sterben konnte. Nach dem positiven Testergebnis ging alles ganz schnell. Da zwei ihrer Kinder in Quarantäne mussten, konnte nur Lisa Pichler ihre Oma in der Klinik besuchen und ihr beistehen. „Die ganze Situation war kaum erträglich“, sagt sie. „Sie hatte spürbar Angst, da sie kaum Luft bekam.“ Am 12. Januar starb Margarethe Guth – zwölf Tage nach dem positiven Testergebnis.
Eine Sache war der 83-Jährigen schon zu Lebzeiten sehr wichtig: ihr neuer Ehemann Sepp, der von Anfang an herzlich in der Familie aufgenommen wurde. „Auch wenn er nicht unser leiblicher Opa ist“, sagt die Enkelin, „hat er einen festen Platz in unserer Familie. Wir haben der Oma versprochen, uns nach ihrem Tod um ihn zu kümmern.“ LAURA FORSTER