Ein historisches Reitergrab, ein 20 000 Jahre alter Lagerplatz oder der Stoßzahn eines Mammuts – immer wieder kommen in Bayern spannende Zeugnisse der Vergangenheit ans Licht. Generalkonservator Mathias Pfeil spricht über die spektakulärsten Funde der vergangenen Jahre, die Problematik der Sondengeher und die Entwicklung der Denkmäler in Bayern.
Herr Pfeil, was ist Ihr Lieblingsfund aus den vergangenen Jahren?
Da habe ich mehrere. Das Reiterkriegergrab im schwäbischen Vöhringen etwa. Dort wurden bei Ausgrabungen zwei kreisrunde Grabanlagen mit Durchmessern von bis zu 20 Metern entdeckt, in denen über mehrere Generationen hinweg Menschen bestattet wurden. Daraus kann man viel darüber lernen, wie Menschen damals geehrt und gewürdigt wurden. Wir haben zum Beispiel an anderer Stelle, in der Nähe von Regensburg, das Skelett einer jungen Frau, groß, blond, etwa 20 Jahre alt, gefunden. Anhand der Grabbeigaben lässt sich vermuten, dass es sich bei ihr um eine der ersten christlichen Priesterinnen gehandelt hat. So etwas findet man nirgendwo anders als im Boden. Wir schreiben die bayerische Geschichte also jedes Jahr neu fort.
Was haben Sie noch entdeckt?
Einen etwa zweieinhalb Meter langen Stoßzahn eines Mammuts in Riekhofen in der Oberpfalz – ziemlich cool. Oder einen historischen Lagerplatz im niederbayerischen Kirchham, der wohl 20 000 Jahre alt ist und damit der älteste, den wir in Bayern kennen. Da merkt man erst mal, wie relativ Zeit eigentlich ist. Man sieht dort noch die Löcher im Boden für die Pfosten, an denen die Zelte befestigt waren. Da ist detektivisches Arbeiten gefragt, um mehr über diese Zeit herauszufinden.
Sie finden nicht nur im Boden, sondern kürzlich auch an der Wand.
Im Zuge einer Restaurierung haben wir im Augsburger Dom einen kunsthistorischen Schatz entdeckt: 1000 Jahre alte Wandmalereien zum Leben und Sterben Johannes des Täufers. Umwerfend, das sind die Höhepunkte unserer Arbeit.
Wann und wo warten die nächsten Schätze im Boden?
Das ist nicht wirklich planbar. Man kann den Zufall eingrenzen, mehr nicht. Und natürlich kündigen wir nicht groß an, wo die nächste Grabung ansteht. Sonst hat man sofort die Sondengänger auf der Matte, die schauen, ob für sie etwas zu holen ist.
Sind die Sondengänger ein Problem für den Denkmalschutz?
Den Wunsch zur Erkundung kann ich verstehen. Denn alles, was man nicht sehen kann, ist faszinierend. Aber bevor man mit der Sonde loszieht, muss man sich informieren und wissen: Wenn man etwas findet, gehört es auf jeden Fall zur Hälfte dem Grundbesitzer. Und wenn man tatsächlich etwas Besonderes findet, zerstört man dabei möglicherweise Wissen. Das hat uns zum Beispiel beim Sonden-Fund der „Enigma“-Chiffriermaschine in Aying geärgert. Wir wissen bis heute nicht, was da vielleicht noch im Boden ist. Oft verraten die Fundumstände genauso viel wie der Fund selbst.
Zum Denkmalschutz gehört nicht nur die Grabung im Boden, sondern auch der Schutz historischer Gebäude – und der sorgt immer wieder auch für Streit.
Wenn wir gut erklären und gelungene Beispiele geben, klappt das in der Regel sehr gut. Gewisse Fördermittel schaden natürlich auch nicht. Ein Beispiel ist der Schnitzer-Stadl in Bernbeuren. Der steht auf der Denkmalliste, es gab ein Bürgerbegehren für den Abriss des Gebäudes, um dort einen Supermarkt hinzustellen. Jetzt haben wir gemeinsam mit der Gemeinde ein kommunales Denkmalkonzept auf den Weg gebracht, um den Einzelhandel in das Gebäude zu integrieren. Wenn so etwas gelingt, macht mir das besonders viel Freude.
Zuletzt wurden mehrere historische Bauten auf der Zugspitze oder das Passionsspielhaus in Oberammergau unter Denkmalschutz gestellt. Hat das Symbolwirkung?
Gebäude wie etwa die historische Wetterwarte von 1900 auf der Zugspitze sind anerkannt und es besteht aktuell auch keine Gefahr, dass sie abgerissen werden. Hier geht es also weniger um den Schutz der Bauwerke, sondern um eine Würdigung.
Wie viele Denkmäler gibt es ein Bayern?
Es stehen etwa 110 000 Bau- und Bodendenkmäler auf der Liste, pro Monat kommen etwa 20 neue dazu. Es fallen aber auch ungefähr genauso viele Denkmäler wieder weg, etwa wenn so viel an einem Gebäude verändert wurde, dass der Denkmalcharakter verloren gegangen ist.
Ärgert sie das?
Natürlich ist das schade. Aber das muss man professionell sehen. Wenn man sich ständig ärgert, hat man ja auch keinen Spaß im Leben. Ich schlafe deswegen nicht schlechter.
Interview: Dominik Göttler