Seelische Krisen durch Corona

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Sepp Erhard ist immer dann glücklich, wenn er Menschen um sich hat. Beim Frühschoppen, mit seinen Freunden, beim Kartenspielen, bei der Skigymnastik. „Jeden Tag in meinem Leben gab es etwas, über das ich mich gefreut habe“, erzählt der 67-Jährige. Dann kam Corona – und alle Treffen, alle Hobbys waren nicht mehr möglich.

Erhard hat eine Familie, die er sehr liebt. Doch sie konnte nicht auffangen, dass es ihm immer schlechter ging. Er wurde stiller, lag nachts oft schlaflos wach. „Irgendwann wollte ich gar keine Nachrichten mehr hören“, sagt er. Und er wollte nicht mehr über die Pandemie reden. „Mich hat alles genervt, ich hatte keinen Antrieb mehr, hab immer mehr Dinge aufgeschoben.“

Dann kam der Tag, an dem er für sich entschied, dass es so nicht mehr weitergeht. Dass er professionelle Hilfe braucht, um durch die Corona-Krise zu kommen. „Ich habe mich um einen Platz in einer Klinik bemüht“, erzählt er. Doch das wurde zur Geduldsprobe. Viele psychiatrische Kliniken sind voll. Erhard merkte, dass er nicht der Einzige ist, der seine Lebensfreude verloren hat.

Die Augsburger Psychotherapeutin Marion Friedrich kann das nur bestätigen. „Deutlich mehr Menschen als im Frühjahr haben jetzt im zweiten Lockdown psychische Probleme“, sagt sie. Viele Kliniken könnten kaum noch neue Patienten aufnehmen. Im März konnten viele den Einschränkungen noch etwas Positives abgewinnen – die Entschleunigung zum Beispiel, viele hätten die Natur für sich entdeckt. „Doch der zweite Lockdown bringt nun viele Menschen über ihre Belastungsgrenzen. Sie haben ein Gefühl von Hilflosigkeit und Fremdbestimmtheit.“ Die erste Reaktion sei dann oft, zu resignieren, sich zurückzuziehen. Weitere Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Veränderungen des Appetits oder Gereiztheit sind klassische Symptome für depressive Stimmungen.

Friedrich hatte schon im Frühjahr deutlich mehr Behandlungsanfragen bekommen, jetzt stellt sie fest, dass sich viele ihrer Klienten zurückziehen – genau das bereitet ihr Sorgen. „Viele vereinsamen gerade.“ Einige auch aus Angst, sich zu infizieren. Besonders um die Kinder und Jugendlichen macht sich Friedrich Sorgen. „Sie können kaum noch soziale Kompetenzen und Empathievermögen entwickeln.“

Einige Kinder leiden sehr stark unter der aktuellen Situation, sagt auch der Bamberger Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Christoph Treubel. Bei ihm haben die Behandlungsanfragen ebenfalls zugenommen. Unter seinen Patienten sind nun auch viele Kinder, die er vor der Pandemie als sehr widerstandsfähig eingeschätzt hätte. Er kennt einige Zehn- bis Zwölfjährige, die inzwischen so depressiv sind, dass sie nicht mal mehr ihr Bett verlassen würden. „Das kannten wir vor Corona nicht“, sagt er. Die schon mehrmals angedachte Ein-Freund-Regelung wäre für viele eine Katastrophe, betont er. Schon jetzt höre er von seinen jungen Patienten oft Sätze wie: „Ich habe Angst, dass das nie wieder aufhört. Dass ich nie wieder in die Schule gehen werde.“ Christoph Treubel geht davon aus, dass auch nach Ende des Lockdowns viele Menschen psychisch Hilfe brauchen werden.

Die Telefonseelsorge der Erzdiözese München und Freising verzeichnete mit Beginn des Lockdowns im Herbst einen Anstieg der Anrufe. Bei jedem fünften Gespräch gehe es um Corona, in jedem vierten um Einsamkeit. Bei den Online-Beratungen seien Ängste und depressive Verstimmungen dominierend. Auch der Krisendienst des Bezirks Oberbayern spürt deutlich, dass mehr Menschen Hilfe dabei brauchen, durch die Pandemie zu kommen. Petra Brandmaier, die stellvertretende ärztliche Leiterin, ist sicher, dass sehr viele Menschen gerade leiden – doch die Hürde, sich Hilfe zu holen, ist zu groß. Sie fürchtet, dass in den kommenden Wochen und Monaten viele Menschen merken werden, dass sie mit den Problemen, die die Pandemie ausgelöst hat, nicht allein fertig werden. Der Krisendienst hilft dabei, Ansprechpartner zu finden. „In 80 Prozent der Fälle reicht das“, sagt Brandmaier. Oft müssen ihre Teams aber auch ausrücken.

Natalja Ferroni arbeitet als Mitarbeiterin in einem solchen Einsatzteam. „Es sind nicht viel mehr Einsätze geworden“, sagt sie. Aber immer häufiger finden Einsätze gemeinsam mit der Polizei statt – weil ein Suizid befürchtet wird. „Menschen, die vorher schon psychische Probleme hatten, trifft die Einsamkeit jetzt doppelt hart.“ Weil viele Anlaufstellen und Gruppen-treffen weggebrochen sind. Sie appelliert: „Niemand muss allein durch diese Krise gehen – es gibt auch jetzt noch Hilfsangebote.“

Sepp Erhard hat vor einer Woche einen Platz in einer Klinik bekommen. Dort wird er bleiben, bis er sich wieder stabil genug für seinen Alltag fühlt. Er weiß, dass er dafür auch Medikamente und eine psychologische Begleitung brauchen wird. „Bei mir war es fünf vor zwölf“, sagt er. Obwohl seine Familie alles getan hatte, um ihn zu unterstützen. Erhard sagt: „Ich will mir nicht vorstellen, wie die Situation für Menschen ist, die allein mit diesen Stimmungen umgehen müssen.“

Viele vereinsamen – auch aus Angst, sich zu infizieren

Helfer appellieren: Niemand muss allein durch die Krise

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