Offingen – Jahrhundertelang war sie der wichtigste Begleiter der Menschen durch die dunkle Jahreszeit: die Kerze. Mittlerweile hat sie ihre besondere Stellung verloren – denn heutzutage brauchen wir keine Kerze mehr als Lichtquelle. Trotzdem ist sie uns noch wichtig, wir nutzen sie für besondere Anlässe oder um eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Doch kaum jemand wird sich dabei darüber Gedanken machen, wie Kerzen überhaupt entstehen. Dabei war der Beruf des Kerzenziehers jahrhundertelang eines der wichtigsten Gewerbe.
„Das Kerzenziehen ist einer der ältesten Berufe überhaupt“, sagt Christiane Winkler. „Es ist ein echtes Kunsthandwerk.“ Die 52-Jährige hat es selbst erlernt und jahrelang als Wachszieherin“ – wie man den Beruf heute nennt – gearbeitet. Mittlerweile ist sie Geschäftsführerin der Bayerischen Kerzenzieherinnung in Offingen (Kreis Günzburg); ein etwas irreführender Name, denn es ist die Bundesinnung, mit 41 Vollmitgliedern in ganz Deutschland.
Wie man zu solch einem außergewöhnlichen Beruf kommt? Da muss Winkler ein wenig lachen. „Tatsächlich weiß heutzutage niemand automatisch von diesem Beruf“, erklärt sie. „Mein Großvater hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wachszieherei in Günzburg eröffnet, die meine Eltern dann übernommen haben.“ Man muss also eine Verbindung zu dem Beruf haben. Derzeit gibt es zehn Auszubildende deutschlandweit. Darunter waren schon eine Konditorin, die über die Berufsverwandtschaft auf die Wachszieherei gekommen ist, erzählt Winkler, und eine Klosterschwester: Sie kannte die echten, gezogenen Kerzen aus der Kirche und wollte das Handwerk dann selbst erlernen. Doch die meisten Menschen kennen gar keine gezogenen Kerzen. Denn mittlerweile werden die meisten maschinell gepresst, aus kleinen Wachskügelchen. Nur bei den Kerzenziehern werden meterlange Dochte immer und immer wieder durch das warme Wachs gezogen – das richtige Gemisch ist übrigens stets eine Geheimrezeptur. Aus dem regelmäßigen Wechsel zwischen warmen Wachs und der kurzen Abkühlung danach formt sich die perfekte, gerade Kerze. Das kann jeder zu Hause mit Topf und Docht im Selbstversuch nachmachen. Allerdings wird die Kerze dann: konisch. „Weil das Wachs am Docht herunterläuft und sich dort sammelt“, erklärt Winkler.
Die Kerze vom Profi ist eben doch eine andere als die vom Laien – oder von einer Maschine. „Wobei ich nicht sagen will, dass gepresste Kerzen nicht auch qualitativ hochwertig sein können“, sagt Winkler. „Trotzdem gibt es Unterschiede: Unsere Kerzen sind schwerer, sie brennen länger und ruhiger.“ Gut zu beobachten ist das in der Kirche. Denn die Pfarreien sind die treuesten Kunden der Wachszieher. Sie bestellen noch wie früher im Januar ihren gesamten Jahresbedarf beim Kerzenzieher, und an Lichtmess werden die Kerzen geweiht. Dieses Jahr ohne Gläubige – die Corona-Pandemie hat eben vieles verändert.
Auch die Bestellungen: „Dadurch, dass im vergangenen Jahr so viele Gottesdienste ausgefallen sind, haben viele Kirchen wohl noch Restbestände – die Bestellungen gingen eher zögerlich ein“, berichtet Winkler. Ein schwerer Schlag: „Bei den ganz kleinen Betrieben, die komplett von der Kirche abhängig sind, habe ich jetzt schon ein bisschen Bauchweh“, gesteht sie. Immerhin haben die meisten mittlerweile einen Online-Shop, sodass sie trotz geschlossenen Läden weiter verkaufen können, berichtet Winkler. Denn auch die Kerzenzieher müssen sich an die moderne Welt anpassen. Auch in Sachen Trends: „Es werden stets neue Farben gewünscht, oder mal schillernde, mal glitzernde, mal strukturierte“, sagt Winkler. „Auch die Kerzen sind eben der Mode unterworfen.“