Letzte Zuflucht für die Kornweihe

von Redaktion

VON MAX-JOSEPH KRONENBITTER

Kottgeisering – Die Sonne scheint auf den Schilfgürtel entlang der Amper. Der Blick vom Naturbeobachtungsturm in Kottgeisering (Kreis Fürstenfeldbruck) reicht bis zum fünf Kilometer entfernten Ammersee, dahinter ist die dunkle Kontur der Alpenkette zu erkennen. Christian Niederbichler schaut angestrengt durch sein Spektiv. „Eigentlich ist jetzt die Zeit, in der die Kornweihen einschweben sollten, um sich ihren Schlafplatz am Ried-Boden zu suchen“, sagt der Gebietsbetreuer. Während er noch bei der Dezember-Zählung 16 dieser Habicht-artigen Greifvögel beobachten konnte, sind es im Januar nur zwei. Nur ganz wenige Flecken gibt es in Bayern, in denen der aus Skandinavien kommende Vogel überwintert – sofern nicht allzu viel Schnee liegt. Im Winter die Kornweihen, im Frühjahr die Wiesenbrüter.

Das Ammersee-Gebiet ist eines von den acht Ramsar-Gebieten in Bayern. Alle Ramsar-Gebiete weltweit haben dasselbe Ziel: den Erhalt und die nachhaltige Entwicklung von wertvollen Feuchtgebieten, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel. Im Fall des Ammersee-Gebiets betrifft das nicht nur das Ampermoos, sondern auch die Uferzonen des Ammersees und die sogenannte Vogelfreistätte Ammersee-Südufer. Weil „Ramsar“ streng genommen kein Schutzstatus im rechtlichen Sinn, sondern eher ein besonderes Prädikat ist, sind die bayerischen Ramsar-Gebiete zusätzlich durch Natur- und Landschaftsschutzgebiets-Verordnungen, Flora-Fauna-Habitat-, Vogelschutz- oder Natura-2000-Richtlinien geschützt. Gerade die oberbayerischen Gebiete müssen dem Druck der wachsenden Metropolregion München standhalten. „Der Nutzungsdruck im Corona-Sommer war enorm“, berichtet Christian Niederbichler. Viele Freizeitsportler kurvten mit ihren Stand-up-Paddeln durch das Uferröhricht, Spaziergänger liefen mit ihrem Hund durch die bis Mitte Juli gesperrten Brutgebiete im Moos oder schipperten mit dem Schlauchboot auf der Amper, was zumindest bis 15. Juli verboten ist. Deswegen verwendet Niederbichler wie alle seine Gebietsbetreuer-Kollegen einen Großteil seiner Zeit für Besucherlenkung, Umweltbildung und immer wieder für das Gespräch mit Erholungssuchenden und Sportlern. Er hofft auf hauptamtliche Naturschutzwächter als Verstärkung.

Denn im Ampermoos kommt noch eine weitere Kernaufgabe hinzu: Mithilfe beim Erhalt des Moorkörpers, weil der durch Austrocknung und damit CO2-Freisetzung zu den größten Verursachern des Klimawandels gehört. In Grafrath wurde unter dem Motto „Wiedervernässung des Ampermooses“ vor acht Jahren eine Sohlschwelle gebaut, die den Mittelwasserstand der Amper erhöht. Häufig reicht der bloße Schutz des Vorhandenen aber nicht aus. Artenreiche Wiesen müssen durch Extensivierung neu geschaffen werden, um das Insektensterben zu stoppen, erklärt Niederbichler. Er und die weiteren 63 hauptamtlichen Gebietsbetreuer in Bayern können das nicht allein schaffen. Ihre Aufgabe ist es deswegen auch, Behörden, Umweltschutzverbände und Ehrenamtliche zu vernetzen. Ein Ehrenamtlicher ist der Schondorfer Sepp Willy. Der 83-Jährige zählt seit 1966 die Wasservögel am Ammersee – und hofft, dass er und seine Kollegen bei der nächsten Zählung im Februar wieder mehr Kornweihen erspähen.

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