München – Seit über 15 Jahren finanziert die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW) den Aktionsrat Bildung. Unter dem Vorsitz von Prof. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, beraten Wissenschaftler über Schule und Hochschule und geben Gutachten heraus. Das erste erschien 2007 zum Thema Bildungsgerechtigkeit. Das jüngste, gestern Abend vorgestellt, befasst sich mit Nachhaltigkeit im Bildungswesen.
Unverkennbar hat „Fridays for future“ den Wirtschaftsverband stark beeindruckt. Allerdings habe die Debatte eine „teilweise unangemessene Richtung eingeschlagen“, sagt Verbands-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt mit Blick beispielsweise auf gewaltsame Demos gegen den Autobahnbau durch den Dannenröder Forst in Hessen. Eine Versachlichung sei nötig.
Dazu hat der Aktionsrat Lehrpläne analysiert, nach Best-Practice-Beispielen gesucht und je nach Schüler-Alter Handlungsempfehlungen formuliert. Zentrale Erkenntnis: Nachhaltigkeit, sprich die Lehre von Umweltschutz, Klimaschutz und ihre Abhängigkeiten von der Ökonomie, habe „in der Breite bisher keinen Eingang in den Unterricht gefunden“, rügen die Wissenschaftler. Vielmehr seien es nur „einzelne, in diesem Bereich besonders engagierte Lehrkräfte“, die solche Themen vorantrieben. Der Aktionsrat Bildung fordert daher, dass Nachhaltigkeit von der Kultusministerkonferenz „im Unterricht aller Schulformen“ und in allen Fächern verankert wird. Besonders geeignet sei indes das Fach Geografie. Es müsse in der Diskussion um „wichtige Fächer“ größere Bedeutung und mehr Stunden bekommen.
Da sprechen die Wissenschaftler auch für Bayern einen wunden Punkt an. Geografie – früher Erdkunde genannt – fristet am Gymnasium nur ein Nischendasein. In der 8. und 9. Jahrgangsstufe gibt es gar keine Geografie, die Stundenausstattung insgesamt ist geringer als beispielsweise bei Geschichte oder Religion. Dabei sind die Themen durchaus spannend. Der Lehrplan für die Zehnklässler etwa enthält Einheiten zum Pazifikraum inklusive Erdbebenproblematik, zur Weltwirtschaftsmacht USA und zu Russland – mit Fallbeispielen zu Luft-, Boden- und Gewässerverschmutzung
Der Aktionsrat empfiehlt das auszubauen:
. Bei den Grundschulen etwa sei auffallend, dass die Lehrpläne viele Themen zur Nachhaltigkeit aufgreifen. Die Forscher regen an, die Fortbildung der Lehrer zu stärken.
. Mehr Handlungsbedarf gibt es bei den weiterführenden Schulen. Die KMK müsse Standards für den Geografieunterricht in der gymnasialen Oberstufe erarbeiten. Außerdem erklären die Forscher: „Bildung für nachhaltige Entwicklung ist eine Leitaufgabe für nahezu jedes Unterrichtsfach“ – das müsse sich in den Lehrplänen widerspiegeln.
. Auch bei den Hochschulen gibt es Nachholbedarf. Nachhaltigkeit spiele im Studium kaum eine Rolle, es sei „offensichtlich nicht gelungen“, das Thema „in der Fläche zu verankern“.
VBW-Geschäftsführer Bertram Brossardt sieht einen Ansatzpunkt bei der Qualifizierung der Lehrer. Es müsse „ein deutlicher Schwerpunkt auf das Thema Ausgleich von Ökologie und Ökonomie gelegt werden“, fordert er. Zudem regt er verpflichtende jährliche Projektwochen zur Nachhaltigkeit an.