München – Man stelle sich einmal Folgendes vor: Menschen strömen durch belebte Fußgängerzonen, sitzen in Kinos und Restaurants, feiern bis in die Morgenstunden in Clubs. Alles ohne Maske, alles ohne Angst. Kurzum: Ein Leben wie vor der Pandemie.
Nicht viel weniger als das möchte Professor Dr. Thomas Carell (55) erreichen. Dafür arbeiten der Chemiker aus Krailling (Kreis Starnberg) und sein Team an der Ludwig-Maximilians-Universität in München seit knapp einem Jahr mit Hochdruck an einem Medikament gegen das Coronavirus. Die ersten Testergebnisse sind durchweg positiv – und lassen die Wissenschaftler vom Durchbruch träumen.
Wie essenziell ein wirksames Medikament im Kampf gegen den Covid-19-Erreger ist, steht für Carell außer Frage. Gemeinsam mit einer flächendeckenden Impfstrategie sieht er darin den einzigen Weg, der Pandemie Herr zu werden. „So könnte man sich bei der Behandlung der Patienten auf diejenigen konzentrieren, die unter einem schweren Verlauf leiden“, betont Carell. Der überwiegende Rest, den keine bis leichte Symptome plagen, könnte die Krankheit von zu Hause auskurieren. Ganz so wie bei anderen Grippeviren üblich.
Seit dem ersten Lockdown im März vergangenen Jahres haben sich Carell und sein fünf Mitarbeiter starkes Team diesem Ziel verschrieben. In Zusammenarbeit mit dem Münchner Virologen Professor Oliver Keppler haben sie am LMU-Campus in Großhadern eine Substanz entwickelt, die menschliche Körperzellen in die Lage versetzen soll, das Coronavirus von sich aus zu zerstören, sozusagen aus dem Inneren heraus.
Somit könnten selbst die weltweit bereits mehrfach aufgetretenen Mutationen des Erregers dem Medikament nichts anhaben, unterstreicht Carell. „Die intrazellulären Abwehrprozesse gegen Virusinfektionen werden so gestärkt, dass im Fall des Eintritts des Coronavirus in die Zelle diese das Virus sofort erkennt und tötet.“ Vereinfacht gesagt: Das Medikament dringt direkt in die Lungenzellen ein und schneidet das Genom des sich dort befindenden Virus – also dessen Erbgut – so lange in einzelne Stücke, bis praktisch nichts mehr davon übrig ist. In Fachkreisen ist hierbei vom silencing RNA-Konzept die Rede. So weit die Theorie.
Um auf dem deutschen Markt eine Zulassung für ein solches Medikament zu erhalten, bedarf es jedoch einer Vielzahl erfolgreicher Experimente und Versuche an verschiedenen Modellen. „Wir müssen erst zu nahezu 100 Prozent beweisen, dass unser Medikament wirkt und auch keine gefährlichen Nebenwirkungen hat, ehe es für den Gebrauch überhaupt interessant wird“, verdeutlicht Carell. Die ersten entscheidenden Schritte des Testmarathons haben der Chemieprofessor und seine Unterstützer dabei bereits hinter sich gebracht. Anhand von gespendeten Lungentumorzellen, die sie zuvor mit dem Coronavirus infiziert hatten, konnten sie beweisen, dass ihr zugegebenes Medikament die Viren beinahe ausnahmslos abtötet. „Wir haben 99,5 Prozent erwischt“, sagt Carell. Ein Spitzenwert. „Alle kriegst du eigentlich nie.“
Das Problem an der Sache: Die menschliche Lunge besteht nicht ausschließlich aus Lungenzellen, ist in Gänze ein deutlich komplexeres Gebilde. „Ist ein Mensch mit dem Coronavirus infiziert, sitzt es überall in der Lunge“, stellt Carell klar. Um zu erproben, ob das Medikament der LMU-Forscher auch in einer solch vielschichtigen Zellstruktur wirkt, arbeiten sie derzeit mit einem etwa erbsengroßen Mini-3D-Modell einer menschlichen Lunge. Die erste der Proben, die momentan im Klinikum rechts der Isar untersucht werden, ist bereits ausgewertet – mit positivem Befund. „70 bis 80 Prozent des Virus hat unser Medikament auch diesmal ausgelöscht“, sagt Carell.
Mit einer höheren Dosis, glaubt er, die Quote noch einmal zu verbessern. Die nächste Hürde auf dem Weg zur Zulassung wäre somit genommen. Doch mahnt der Chemiker zur Geduld. Zunächst gelte es, die kommenden Ergebnisse abzuwarten. „Ein Wissenschaftler glaubt Dinge erst, wenn sie zwei- bis dreimal funktioniert haben“, sagt er. „Einmal kann es immer Zufall sein.“ Zuversichtlich ist er freilich trotzdem. Passen auch die kommenden Proben aus dem 3D-Modell, könnten Experimente mit Kleintieren in Angriff genommen werden. Zunächst an genetisch definierten Mäusen, später an Makaken, die dem Menschen aus der Tierwelt am ähnlichsten sind. Wenn auch hier das Medikament seine Wirkung entfaltet, ginge es in schrittweisen Etappen über zu Testversuchen an Menschen. Erst 15 Patienten, später 30, dann 100, 200, 300, irgendwann 1000 und so weiter. Ein schier endloser Prozess, der Zeit und Geld mit der Aggressivität eines Chlorreinigers zerfrisst. „Zehn Jahre und rund 1 Milliarde Euro“, rechnet Carell vor. „Das braucht es normalerweise, um ein Medikament von der Entwicklung bis zur Zulassung zu bringen.“
Das entscheidende Wort könnte hierbei sein: normalerweise. Angesichts der weltweiten Bedrohung durch das Coronavirus mitsamt Millionen Infizierter und Toter hofft Carell, ähnlich wie bei der Entwicklung eines Impfstoffes, auf Ausnahmeregelungen, die den Prozess deutlich beschleunigen. Unter optimalen Voraussetzungen hält er es für möglich, dass das Medikament, das wie bei einem Asthma-Spray über den Mund in die Lunge gepumpt werden soll, Ende 2021 verfügbar ist. „Dafür muss jedoch alles ohne jegliche Schwierigkeiten klappen“, schränkt der Forscher ein. „Und das tut es bekanntlich nie.“
Finanziell steht das Projekt fürs Erste auf sicheren Beinen. Das Forschungsteam hat zum einen Gelder aus anderen Projekten umgeschichtet, zum anderen hat die Bayerische Forschungsgesellschaft den Wissenschaftlern 480 000 Euro zur Verfügung gestellt. „Ein schönes Zeichen des Vertrauens“, findet Carell. „Damit können wir erst einmal gut weiterarbeiten.“ Wie schnell alles vorbei sein kann, das verschweigt der Chemiker bei all den positiven Nachrichten keinesfalls. „Ein schlechtes Ergebnis kann unseren Traum vom Medikament töten“, sagt er ohne Umschweife.
Dass dem nicht so ist, dabei stimmt ihn unter anderem eine Nachricht aus den USA zuversichtlich. Von zwei Konzernen hat er gehört, dass diese mit einer ähnlichen Substanz an einem Medikament arbeiten wie sein Team an der LMU.
Klar, das bedeutet einerseits Konkurrenz. Andererseits auch eine Bestätigung der eigenen Idee. „Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Thomas Carell.