Oberammergau – Als Christian Stückl am Morgen in Oberammergau zum Bäcker ging, bekam er auf leeren Magen gleich die drängendste Frage gestellt: „Glaubst Du wirklich, dass die Passion 2022 stattfinden wird?“ Den Versprechen der Politik gegenüber bleibt der Spielleiter zwar skeptisch, wie er einräumt. Auch wenn Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bis September jedem Bürger ein Impfangebot versprochen habe, werde bis dahin nicht jeder geimpft sein. Realistisch fügt er hinzu: „Wenn wir jetzt loslegen würden, wir könnten gar nichts.“ Weder Proben mit vielen Leuten wären möglich, noch könnte man die Türen für Besucher öffnen. Zudem sei das Reisen noch eingeschränkt.
Dennoch zeigen sich die Oberammergauer, nachdem im März 2020 die 42. Passionsspiele auf 2022 verschoben wurden, optimistisch, dass es klappen wird. Am Aschermittwoch erging wieder der obligatorische Haar- und Barterlass. Stückl und Bürgermeister Andreas Rödl tackerten symbolisch ein Plakat mit dem Aufruf auf eine Schautafel.
Manch einer hat die Chance, sich zwischenzeitlich einen ordentlichen Schnitt verpassen zu lassen, gar nicht genutzt und ließ stattdessen seine Mähne weiter wachsen. Seit dem verschärften Lockdown ab Dezember sind außerdem eh schon wieder die Friseure zu.
Die Gäste aus aller Welt sind aber offenbar recht optimistisch, dass die Passion im nächsten Jahr stattfinden kann. Die Ticketverkäufe sprechen eine deutliche Sprache. Die Auslastung liegt bei 65 Prozent, sagt Walter Rutz, der für die wirtschaftliche Planung zuständig zeichnet. Über 40 000 Karten mehr als zum gleichen Zeitpunkt 2019 wurden bislang geordert. Im Ort selbst, ergänzt Stückl, spürt er es: „Die Leute haben wieder Lust.“
Die Verantwortlichen wollen vor Publikum spielen, die Passion weder streamen, noch eine „Schachbrettlösung“ mit leeren Plätzen anstreben. 800 Mitwirkende stehen bei manchen Szenen auf der Bühne. Unvorstellbar aktuell. Von den Regeln her. Aber auch, weil sich der Mensch an Distanz gewöhnt hat. „Wir müssen Nähe wieder lernen“, sagt Stückl.
Und bei den Haaren? Da wuchert es aktuell schon bei sehr vielen Oberammergauern. Da hat die Politik dem Spielleiter schließlich schon vorgegriffen.