Tragisches Ende einer Vermisstensuche

von Redaktion

VON DIRK WALTER

Ettal/München – Die Polizei nennt es „Kommissar Zufall“: Im November vergangenen Jahres machten Wanderer unweit des Gasthauses Ettaler Mühle im Landkreis Garmisch-Partenkirchen einen grausigen Fund: In einem Bachbett lag ein menschlicher Knochen. Sie alarmierten die Polizei, die das Münchner Institut für Rechtsmedizin mit einer Überprüfung beauftragten. Das Ergebnis brachte Klarheit über den Verbleib des 33-jährigen Daniel P. aus Winhöring im Kreis Altötting. Durch einen Abgleich von genetischen Spuren konnte der Knochen eindeutig dem Vermissten zugeordnet werden. Daniel P., so viel stand nun fest, war tot. Aber was war passiert?

Vermisst war P. seit dem 30. April 2018, als er in der Früh die Wohnung seiner Eltern verlassen hatte. Der schlanke junge Mann, sonnengebräunt, dunkelbraune Haare, war mit einem blauen Skoda Fabia mit Altöttinger Kennzeichen zu einer Wandertour aufgebrochen. Da der 33-Jährige seit seiner Geburt Autist war, hatte er keine sozialen Kontakte und war allein unterwegs. Zwar war von etwaigen Suizidgedanken nichts bekannt, jedoch fehlte ihm aufgrund seiner Krankheit jegliches Gespür für Gefahrensituationen.

Die Polizei entdeckte seinen mittlerweile mit einer dicken Schicht Blütenstaub überzogenen Wagen vier Tage später auf dem Schattenwang-Parkplatz im Graswangtal. Es begann eine große Suchaktion. 100 Einsatzkräfte von Polizei und Bergwachtbereitschaften aus mehreren Orten durchkämmten die Berge im Süden des Graswangtals. „Wir haben praktisch alle gängigen Aufstiege zwischen Notkar- und Kreuzspitze ins Visier genommen“, berichtete ein Polizeisprecher damals. Ohne Erfolg. P. blieb verschwunden. Nach einer Woche wurde die Suche abgebrochen.

Gewissheit über die Tour, die Daniel P. gemacht hatte, gibt es erst seit wenigen Tagen. Im Januar fielen einem jungen Polizeibeamten, der an der Notkarspitze beim Eisklettern unterwegs war, etwas abseits seiner Route im Eis eingefrorene Kleidungsstücke auf. Geborgen werden konnten sie bei einem weiteren Einsatz erst vor wenigen Tagen bei Tauwetter, erklärt Polizeisprecher Alexander Huber: Ein Polizeibergführer und ein Bergwachtler aus Oberammergau seilten sich zu dem Fundort ab und fanden die sterblichen Überreste. „Der Leichnam war mittlerweile von zwei Metern Lawinenschnee bedeckt und musste zunächst händisch freigeschaufelt werden“, berichtet Huber. Die Polizei geht davon aus, dass sich Daniel P. beim Abstieg von der Notkarspitze verlaufen hatte und im Einzugsgebiet des Großkargrabens am Hang der Notkarspitze ums Leben kam. Wasserläufe in dem Graben spülten letztlich Knochen ins Bachbett, wo ein Bruchstück dann im November gefunden wurde. Mittlerweile konnten die sterblichen Überreste an die Familie für eine würdige Bestattung übergeben werden.

Damit ist ein Vermisstenfall geklärt, der die beteiligten Polizisten aufgrund der Umstände auch emotional stark mitgenommen hatte, wie Polizeisprecher Huber sagt.

Doch es gibt noch weitere Fälle, die der Klärung harren. Sieben Vermisste, die möglicherweise nach einem Bergunfall verschwanden, hat allein das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in der Kartei. Der erste Fall reicht bis ins Jahr 2000 zurück, der vorerst letzte Fall ist erst wenige Tage alt: Der 59 Jahre alte Helmut S. aus Ohlstadt wollte am 4. Februar nahe seinem Dorf wandern gehen – seitdem fehlt von ihm jede Spur. Die Polizei hat das Murnauer Moos ebenso abgesucht wie den Heimgarten. Bisher ohne Erfolg.

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