München – Die SPD in Bayern will eine Untersuchung der Vorgänge in bayerischen Kindererholungsheimen zwischen 1950 und 1980 auf den Weg bringen. Ein entsprechender Antrag solle am Donnerstag im Sozialausschuss des Landtags behandelt werden, sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und Ausschussvorsitzende, Doris Rauscher gestern. Manche litten bis heute unter ihren Erfahrungen bei den ursprünglich zur Erholung gedachten Aufenthalten.
Berichten zufolge wurden Kinder teils zum Essen gezwungen, mussten manchmal sogar Erbrochenes wieder essen; sie wurden teils geschlagen oder gedemütigt. Es soll sogar Todesfälle gegeben haben. Manche Kinder seien erst zwei Jahre alt gewesen. Obwohl sich in Bayern ein Viertel der Kurheime befunden habe, sei wenig darüber bekannt, wie viele Kinder dort waren und wer für mögliche Misshandlungen verantwortlich war, sagte Rauscher. Die Staatsregierung solle deshalb eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung beauftragen. Das Leid von damals müsse anerkannt werden.
Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) sagte dazu, aufgrund der bundesweiten Geschehnisse hätten sich die Länder bereits auf eine gemeinsame Vorgehensweise geeinigt und den Bund um die Erteilung eines entsprechenden Forschungsauftrages gebeten. Dabei sollten die Zahl der Betroffenen ebenso wie die institutionellen und strukturellen Rahmenbedingungen umfassend aufgeklärt werden. „Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Geschehnisse in den Kinderkur- beziehungsweise Kindererholungsheimen unter Einbeziehung aller relevanten Akteure aufgearbeitet werden“, sagte Trautner.
Die „Verschickung“ sei als eine Art Urlaub gepriesen worden, doch die Realität sei teils eine andere gewesen, berichten Betroffene. „Wir waren immer in einer Atmosphäre der Angst“, sagte Hilde Haushofer, die als Elfjährige ins Berchtesgadener Land geschickt wurde. Man habe nachts nicht zur Toilette gehen dürfen. Briefe an die Eltern seien zensiert worden. „Es war verboten, das Wort Heimweh zu benutzen.“
Auch von dem ehemaligen Kinderkurheim am Schmalensee in Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) berichten zwei Zeitzeugen, die dort als Kinder hingeschickt wurden, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Sie seien vom Personal geschlagen oder als Strafe fürs Bettnässen nackt mit dem kalten Gartenschlauch abgeduscht worden. Sie leiden nach eigenen Angaben bis heute unter Vorfällen aus den 80er-Jahren und wollen deshalb anonym bleiben. Der ehemalige Heimleiter des Hauses am Schmalensee, der mittlerweile in einem Altersheim lebt, streitet gegenüber dem BR sämtliche Vorwürfe ab.
Ingrid Runde, Mitglied der Initiative Verschickungskinder Bayern, die 1960 als Zehnjährige für sechs Wochen von Hamburg in ein Heim in Bayern kam, weil sie angeblich zu dünn war und deshalb essen musste, berichtete, am Ende der Kur sei sie krank geworden und habe nur noch erbrochen.
Die Kuren wurden von Ärzten verschrieben und von der Kranken- oder Rentenversicherung finanziert. Einer Erhebung zufolge waren 1964 in Bayern rund 13 500 Kinder in etwa 215 Heimen untergebracht, bundesweit waren etwa 71 500 Kinder in 850 Heimen. Nach Schätzungen waren insgesamt drei bis zwölf Millionen Kinder bundesweit betroffen. lby/mm