Ebersberg – Katrin Gläser hatte schon immer ein Faible für alte Bauernhöfe. „Ich bin in Karlsruhe geboren und habe als Kind mit den Eltern oft Ausflüge in den Schwarzwald gemacht“, erzählt die Künstlerin aus Ebersberg. Die großen Schwarzwaldhöfe inmitten von Wiesen und Wäldern sind ihr als Traum geblieben – der nun ein traumhaftes Ende gefunden hat. Die 57-Jährige hat den jahrhundertealten „Huberhof“ neben ihr Haus versetzen lassen. Es war ein Mammutprojekt. Fast zwei Jahrzehnte hat es gedauert.
Noch ist der alte, neue „Huberhof“ nicht ganz fertig. Gläser hat ihn winterfest gemacht, denn die Handwerker können gerade nicht viel machen. Ein Teil der alten Fenster ist noch nicht wieder eingebaut, Heizung und Elektrik fehlen, der Fußboden muss noch verlegt werden und, und, und… Aber im Sommer, so der Plan, sollen Gläsers Eltern endlich einziehen.
Schon immer trieb Gläser die Idee mit dem Bauernhof um. Aber es fand sich kein Objekt. „Ich habe aber immer gehofft, dass sich eines Tages etwas ergibt“, erzählt Gläser, die Kunst studiert hat und heute als freischaffende Künstlerin und Kunsttherapeutin arbeitet. Durch Zufall entdeckte die Mutter dreier Kinder dann den Huberhof. Rund 20 Jahre ist das her. Auf einer Fahrt nach Grafing sah sie ihn plötzlich in der Ferne. Der Hof stand in Reitgesing, nur wenige Kilometer entfernt von Gläsers Haus in Kalteneck, einem Weiler am Rande von Ebersberg. Zwar war das Dach neu, aber die verputzten Backsteinmauern bröckelten, die Holzbalken waren morsch oder schon auseinandergefallen. Trotzdem war der Hof noch ganz gut beieinander.
Gläser suchte nach dem Eigentümer – und tatsächlich: Der Landwirt war froh, dass sich jemand des alten Bauernhofs annehmen wollte. Denn der denkmalgeschützte Hof war seit 70 Jahren unbewohnt – und stand einer neuen Maschinenhalle im Weg. So passten zwei Träume gut zusammen. Die Frage war nur: Lässt sich das Projekt überhaupt verwirklichen?
Katrin Gläser zieht eine große grüne Mappe aus Wellpappe zu sich, die vor ihr auf dem Esstisch liegt. Die Mappe enthält die ganze Geschichte der Hofwanderung. Gläser benötigte Genehmigungen vom Landesamt für Denkmalpflege und vor allem vom Landratsamt in Ebersberg. Probleme gab es reichlich. Auf ihrem Grundstück war kein Platz. Und auf das andere Grundstück, das die Familie noch besitzt, durfte sie den Hof nicht versetzen. Zu weit weg von der Bebauung, beschied das Landratsamt. Also musste sie mit einem benachbarten Bauern reden und ihn davon überzeugen, ihr ein Stück seines Feldes zu verkaufen. „Das war etwas schwierig, aber es hat dann doch noch gut geklappt.“ Nur, weil der alte Einfirsthof aus dem 16. Jahrhundert denkmalgeschützt ist, durfte Gläser ihn auf das landwirtschaftliche Feld stellen.
Bis zum Beginn des Umzugs sollte es aber noch Jahre dauern. Aus privaten Gründen, und aus finanziellen. Einen Bauernhof zu versetzen ist eine teure Angelegenheit. Rund zwei Millionen Euro werden es am Ende sein. Gläsers Traum drohte zwischenzeitlich daran zu scheitern. Dann aber entschloss sich die Familie, die Sache gemeinsam zu stemmen.
Und so wurde in Reitgesing Holzbalken für Holzbalken abgebaut und akribisch nummeriert, damit das Mega-Puzzle am Ende wieder einen Hof ergibt. „Die Lastwägen und Anhänger waren sehr groß. Da musste aber trotzdem ein paar Mal hin- und hergefahren werden“, erinnert sich Gläser. Mit einem riesigen Kran wurde das massive Holz bei ihr abgeladen. Und im Oktober 2020 stand er wieder, der Huberhof – nur eben in Kalteneck statt in Reitgesing. „Die Zimmerer haben wirklich super gearbeitet“, lobt Katrin Gläser.
Der Hof ist weitestgehend erhalten geblieben. Die morschen Holzbalken wurden ersetzt, der alte Boden wird zwar wieder verlegt, aber durch einen neuen unterstützt, damit die Statik sicher ist. An den alten Gebäudeteil mit den sieben Zimmern hat Gläser einen neuen anbauen lassen, damit für zwei Bäder und das WC Platz ist. Die Backsteinmauern des Huberhofs mussten erneuert werden. „Die waren schon ganz bröselig und wären zerfallen, wenn wir sie mitversetzt hätten“, sagt Gläser. Wichtig ist ihr, dass die alten Fenster wieder eingebaut werden. „Da steckt so viel Liebe in den Details, das ist noch richtige Handarbeit“, schwärmt sie. Doch auch ohne die alten Fenster strahlt der Hof schon den Charme einer alten Almhütte in den Bergen aus.
Dass der Hof umziehen konnte, verdankt Gläser dem Landratsamt. „Die haben sich damals über die Empfehlung der Denkmalbehörde hinweggesetzt und uns die Versetzung genehmigt.“ 2007 war das. Heutzutage, glaubt Gläser, würde das nicht mehr genehmigt werden. Der Aufwand sei zu groß und die Farbschichten sowie andere alte Bauteile würden bei einer Umsiedlung verloren gehen.
Wenn alles klappt, sollen Gläsers Eltern im Sommer in einen Teil des Hofs ziehen. Der Rest des 300 Quadratmeter großen Hofs soll vermietet werden. „Die Gegend ist auch für Eltern mit Kindern toll, weil es bei uns sehr ruhig ist und sie viel Platz zum Spielen haben“, schwärmt Gläser. Sie freut sich darauf, dass die Familie bald wieder nah beieinander ist. So kann sie ihre Eltern auch besser unterstützen. Ein bisschen Überzeugungsarbeit, sagt Gläser, sei schon nötig gewesen. „Sie wollen nicht aus ihrer gewohnten Umgebung raus. Das verstehe ich auch.“
Dass der Huberhof-Umzug ein durchaus verrücktes Projekt war, ist Katrin Gläser bewusst. „Man macht so was nicht aus Rentabilität, sondern weil es einem gefällt und man das Kulturgut erhalten will“, sagt die Ebersbergerin. Auch das Haus, in dem sie wohnt, hat schon einiges erlebt. „Das ist über 100 Jahre alt und wir haben es vor 30 Jahren selber renoviert.“
FRANZISKA FLORIAN