Nanni-Landler heißt das Stückl, eine feine, zarte, ja zärtliche Weise, die durch die Stube perlt, gespielt von einer Zither, einer Harfe, einem Hackbrett, einer Gitarre. Wir sitzen an einem Bauerntisch zu Irschenberg, die Lampe brennt, und draußen versinkt das Land im Schnee. Die Melodie steht in einem alten Notenbüchel. Wer sie geschrieben oder aufgezeichnet hat, weiß ich nicht, aber dass es um diese Nanni etwas Besonderes gewesen sein muss, das spürt man gleich heraus. Und natürlich auch, dass ihr der Komponist über die Maßen zugetan war.
Nandl, Nanni, Nannä, so wird die Anna in Altbayern und Österreich gern gerufen: ein Kosename. Dass Sennerinnen so heißen, kann man sich gut vorstellen. Aber auch in der Holledau gibt es Nandln und sogar einen sauberen Marktflecken, der Nandlstadt heißt. Während die Musikanten die schönsten Takte wiederholen, überlege ich, in welchem Alter diese Nanni wohl gewesen sein mag, als sie ihren Landler bekam. In ganz anderem Sinn natürlich, als diese Redensart sonst meint. Denn einen Landler kriegen, das bedeutet ja so viel wie geschimpft werden, eins aufs Dach bekommen. Der Nanni aber wurde direkt ins Herz gezielt und aufs Herz natürlich auch, denn im sinnenfrohen Bayern kann man sich ein weibliches Herz ohne sein Drumherum nur schwer vorstellen. Also dürfen wir mit ziemlicher Sicherheit ausschließen, dass die Nanni ein Schuldirndl gewesen ist. Wenigstens zu jenem Zeitpunkt. Früher natürlich schon. Ich stell sie mir da mit zwei blonden, widerspenstigen Zöpfen vor, mit Sommersprossen im Gesicht und mit halb heruntergerutschten Strümpfen, häuselhupfend oder eine volle Milchkanne im Kreis schwingend.
Mit den Jahren verwandelte sich dann diese bayerische Pippi Langstrumpf in eine herb erblühte Schönheit: Milch und Blut das Gesicht, die Haare aufgesteckte Weizenähren, die Gliedmaßen kunstvoll gedrechselt, Hügel und Täler aufs Angenehmste verteilt, der Gang zierlich und stolz zugleich. Respekt und abermals Respekt! Was läge eigentlich näher, als dass sich ihrem Liebsten, einem leidlichen Zitherspieler, der Nanni-Landler wie von selber auf die Saiten gedrängt hätte? Freilich, wie wir den bayerischen Adam kennen, wäre da etwas ganz anderes herausgekommen, etwas Wildes, Leidenschaftliches, Überschäumendes, das man auf der Zither gar nicht hätte spielen können, für das man Klarinetten, Trompeten und ein Bombardon gebraucht hätte. Aber wer war’s dann? Eher schon ein pensionierter Schullehrer, der aus der Seelenlage des Verzichts heraus dieses für ihn unerreichbare Wesen überhöht, ihre Mängel und Fehler, die es wohl auch gehabt haben mag, verdrängt hat. Oder klang seine Leier deshalb so zärtlich, so voll leiser Melancholie, weil er im Grunde gar nicht die Nanni meinte, sondern die eigene verlorene Jugend, die erste Liebe, die Erinnerungen an die Maienzeit seines Lebens?
Wie ich die Harfenspielerin anschau, das Gesicht von weißem Haar gerahmt, in dem silberne Kugeln stecken, die Augen nach innen gerichtet, ganz der Melodie hingegeben, die ihre Finger aus den Saiten zaubern, fällt mir noch eine dritte Möglichkeit ein: dass es eine ältere Nandl war, der dieser Landler gewidmet worden ist, eine Nanni, die des Lebens Mitte schon durchschritten, eine mütterliche Frau, die verstehen und verzeihen gelernt und doch um die Augen noch den Schalk des Lausdirndls blitzen hatte, in der das Resche des Mädchens zu stillem Humor, die Schönheit der jungen Frau zur Güte gereift war. Je länger ich der stillen Weise lauschte, je länger ich die Harfenspielerin ansah, umso gewisser wurde ich, dass der Nanni-Landler einer solchen Nandl zugedacht worden war.
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber