Puzzelnd durch den Lockdown

von Redaktion

VON LISA FISCHER

Augsburg – März 2020, kurz vor dem ersten Lockdown: Während im ganzen Land die Arbeiten eingeschränkt werden, fährt ein bayerischer Puzzle-Hersteller die Maschinen hoch. Man will Engpässe vermeiden. Kurz darauf sind schon die ersten Erwachsenen-Puzzles ausverkauft. Spieleverlage werden plötzlich mit Bestellungen überrannt. Und in den sozialen Netzwerken präsentieren sich Promis wie Topmodel Heidi Klum stolz beim Puzzlespiel.

Über diesen plötzlichen Andrang wundert sich Volker Mehringer kein bisschen. Der Spielforscher von der Universität Augsburg erklärt: „Mit dem Puzzle kann man auf eine unterhaltsame Weise die Zeit drinnen verbringen.“ Im Lockdown kommt das Puzzle also sehr gelegen. Keine Veranstaltungen, keine Treffen, das „kurzweilige Spiel“, wie es Mehringer nennt, beschäftigt die Menschen in ihren Wohnzimmern.

Doch das Puzzle war laut Mehringer nie richtig weg. „Es war nur medial nicht so präsent.“ Trotzdem hat Corona im vergangenen Jahr eine große Rolle gespielt und dem Puzzle einen Schub gegeben. „Ich selbst habe auch wieder mit dem Puzzeln angefangen“, erzählt der Sozialpädagoge. Als Experte greift er auch gerne zu besonderen Versionen, wie dem 3D-Puzzle, bei dem nicht nur flach sondern auch in die Höhe gebaut wird. Spannend findet Mehringer auch das Secret-Puzzle, bei dem sich das Puzzle-Motiv mit kleinen Details von der Vorlage unterscheidet. Eine besondere Herausforderung.

Bei Heye Puzzles in Unterhaching (Kreis München) ist der Puzzle-Trend deutlich zu spüren. „Wir haben unseren Umsatz im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt und die Nachfrage verdreifacht“, sagt Geschäftsführerin Paulette Lamber. Sogar aus Asien trafen vermehrt Bestellungen ein. Schon bevor in Europa das Virus ausgebrochen war. Lamber vermutet als Grund den früheren Pandemie-Verlauf in Asien.

Beim Ravensburger Spieleverlag ließ man die „Kapazitäten unter Volllast laufen“, berichtet PR-Managerin Katrin Seemann. So, wie eigentlich nur zur Weihnachtszeit. Es wurden sogar weitere Arbeitsschichten eingeplant. Nicht immer ganz einfach: „Teilweise war es eine Herausforderung, die zusätzlichen Hygienemaßnahmen einzuhalten“, sagt sie.

Doch Seemann berichtet, dass schon vor Corona die Nachfrage größer war. 2019 stieg der Umsatz bei Ravensburger um 20 Prozent. „Puzzle-Begeisterte gibt es schon lange“, sagt Seemann. Es sei ein „heimlicher Volkssport“. Seit einiger Zeit beobachtet sie, dass sich die Menschen immer mehr offline Beschäftigung suchen – und etwas mit den Händen machen wollen.

Wissenschaftler Volker Mehringer hat eine Erklärung, warum im Lockdown mehr gepuzzelt wird. „Sobald man ein passendes Teil in das andere fügt, fühlt man sich motiviert und man kommt seinem Ziel immer näher“, erklärt er. Diese kleinen Erfolgserlebnisse tun gut. Einige geraten beim Puzzeln in einen regelrechten Rausch und vergessen alles um sich herum. So werden aus zwei Stunden drei – oder mehr. Auch deshalb ist das Puzzle während der Corona-Krise so gefragt. „Die Leute suchen eine Beschäftigung, um sich die Zeit zu vertreiben.“ Außerdem kann man mit mehreren Personen puzzeln und etwas gemeinsam schaffen, erklärt der Spieleforscher. Ein passender Zeitvertreib, gerade bei Familien, Paaren und Mitbewohnern, die aktuell mehr Zeit zusammen in den vier Wänden verbringen, als sie gewohnt sind.

Ob der Puzzle-Trend anhält, kann der Spieleforscher schwer voraussagen. „Es ist möglich, dass die Begeisterung zum Puzzeln bei vielen Leuten bleibt“, sagt Mehringer. Die Puzzlelaune kann aber auch sinken, wenn wieder mehr gelockert wird.

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