München – Alles deutet darauf hin, dass der Wolf wieder zugeschlagen hat. 18 Stück Damwild wurden am vergangenen Mittwoch in einem Wildgegehe in Betzenstein im Kreis Bayreuth gerissen (wir berichteten). Wie das Landesamt für Umwelt gestern bestätigte, deuten die Rissbilder auf einen oder mehrere Wölfe als Verursacher hin. Seit drei Jahren hat sich im angrenzenden Veldensteiner Forst ein Wolfsrudel etabliert.
Nachdem Bauernverbandsvize Günther Felßner bereits „praktikable Regulierungsmöglichkeiten“, also einen vereinfachten Abschuss des Wolfes verlangte, reagierte gestern auch Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) und forderte eine Absenkung der Schutzvorgaben für Wölfe, um die Tiere schneller zum Abschuss freigeben zu können. „Wir dürfen keine Zeit mehr mit Debatten darüber verlieren, wie der Wolf zu schützen ist und wie er sich noch zahlreicher verbreiten kann. Jetzt geht es um den Schutz der Weidetiere, bloße Entschädigung ist nämlich nicht die Lösung“, teilte sie mit. Die Wolfsbestände müssten frühzeitig reguliert werden. Das Bundesumweltministerium sei jetzt gefordert, dringend die notwendigen gesetzlichen Änderungen anzugehen. Für den Erhalt einer gesunden und nicht vom Aussterben bedrohten europäischen Wolfspopulation sei es nicht erforderlich, dass Wölfe in allen Teilen Europas in gleicher Dichte vorkommen und jedes denkbare Territorium mit Wölfen besetzt wird. Mit ihren Forderungen habe sie sich sowohl an EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius, an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sowie an ihren Koalitionskollegen, den bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber (FW), gewandt.
Der reagierte allerdings wenig erfreut auf Kanibers Vorstoß. „Dieser Zuruf ist reiner Populismus und hilft in der Sache nicht weiter“, kritisierte Glauber. Kaniber wisse selbst, dass der strenge Schutzstatus für den Wolf durch Bund und EU festgelegt werde. Das bayerische Vorgehen sei im Aktionsplan Wolf festgelegt, der einvernehmlich mit dem Landwirtschaftsministerium beschlossen worden. Glauber gibt zu, dass die Situation in Oberfranken für die betroffenen Tierhalter sehr aufwühlend ist. „Deshalb brauchen wir schnell Klarheit, was genau passiert ist.“
Ein Sprecher des Umweltministeriums betonte, dass der Herdenschutz an erster Stelle stehe. Die Kosten dafür können durch ein staatliches Förderprogramm ersetzt werden. „Leider wies die Einzäunung der Herden in Oberfranken keinen gesonderten Schutz vor Wolfsübergriffen auf.“ Die Tierhalter vor Ort würden etwa bei der Nachrüstung der Zäune unterstützt. Der entstandene Schaden durch die Wolfsrisse werde ausgeglichen.
Auch beim Bund Naturschutz (BN) herrschte gestern Kopfschütteln über Kanibers Vorstoß. „Ein wirksamer Schutz der Weidetiere geht nur mit Herdenschutzmaßnahmen“, erwiderte der BN-Vorsitzende Richard Mergner. „Hätten das Landwirtschaftsministerium und die Landwirtschaftsverwaltung den Herdenschutz in den letzten Jahren nicht gemeinsam mit dem bayerischen Bauernverband blockiert, wären die Wolfsrisse wohl vermeidbar gewesen“, schimpfte Mergner. Im bayerischen Aktionsplan Wolf sei eindeutig geregelt, dass die sogenannte Entnahme von Wölfen nur dann möglich ist, wenn ordnungsgemäßer Herdenschutz überwunden wurde. Der reflexhafte Ruf nach Abschüssen nach Wolfsrissen wiege Weidetierhalter nur in dem falschen Glauben, dass mit vermehrten Abschüssen die Tiere geschützt werden könnten und ein Herdenschutz nicht notwendig sei. Doch das sei ein Trugschluss. DOMINIK GÖTTLER