Aschaffenburg – Eine Familie flieht aus Syrien und landet in der Nähe von Aschaffenburg. Die jugendliche Tochter lebt sich schnell ein, ist bei Facebook unterwegs, verliebt sich in einen Mann. Und sie schläft mit dem 23-Jährigen. Laut Anklage soll ihr eigener Vater sie dafür bestraft und getötet haben. Den strafunmündigen Halbbruder der jungen Frau habe er ein Geständnis ablegen lassen.
Dass die Tochter sich nach der Flucht den westlichen Lebensgewohnheiten angepasst hatte, passte dem 46-Jährigen gar nicht, wie etliche Zeugen der Polizei sagen. Immer wieder soll der Syrer die Hand gegen die Schülerin erhoben haben. Er wird 2017 wegen Körperverletzung und Misshandlung der 16-Jährigen zu einer Haftstrafe verurteilt, tritt diese aber nie an. Mehrmals soll der konservative Mann aus Aleppo seiner Tochter, deren wahres Alter nach Polizeiangaben womöglich 19 oder 20 war, mit dem Tod gedroht haben. Die Schülerin soll aus der Familie genommen werden, macht aber einen Rückzieher.
Anfang Mai 2017 verschwindet das Mädchen plötzlich nach der Berufsschule. Erst rund eineinhalb Jahre später finden Spaziergänger die Leiche in einem nahen Wald, in einem Betonschacht, der mit einer Stahlplatte abgedeckt war. Die Ermittler glauben, dass der Angeklagte mindestens zwei Wochen vor der Tat den Entschluss fasste, die 16-Jährige zu töten. Zu den Vorwürfen will ihr oft empathielos wirkender Vater zu Prozessbeginn aber nichts sagen.
Die Anklage geht davon aus, dass der Syrer zusammen mit seinem damals 13-jährigen Sohn das Mädchen von der Berufsschule abgeholt hat und in den Wald gefahren ist. Dort habe der sechsfache Vater seine völlig überraschte Tochter geschlagen und mit Klebeband gefesselt, sagt der Oberstaatsanwalt. Danach soll der 46-Jährige seinem Sohn ein Messer gegeben und ihn aufgefordert haben, seine Halbschwester zu erstechen. Sollte er sich widersetzen, werde auch er sterben, soll der Vater zu dem Kind gesagt haben.
Der Sohn des Angeklagten erzählte diese Version bei seiner Vernehmung, die Ermittler zweifeln an den Aussagen. Der Junge ist zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre und gilt damit in Deutschland als schuldunfähig. Nach dem Tod seiner Halbschwester verschwindet er, womöglich ist er in der Türkei. Dorthin war sein Vater geflohen, um den Ermittlern zu entgehen. Denn der 46-Jährige soll gut einen Monat nach dem Verschwinden seiner Tochter ihren Freund mit einem Messer angegriffen haben. Die Staatsanwaltschaft legt dem Verdächtigen auch Mordversuch und gefährliche Körperverletzung zur Last. Bis zu seiner Festnahme 2020 soll er in der Türkei gelebt haben.