Anna-Lena Hofmann, 22
Gerade hatte Anna-Lena Hofmann ihr Praktikum an einem Münchner Gymnasium begonnen – und plötzlich waren die Schulen zu. „Ich wusste erst gar nicht, wohin mit mir“, sagt die 22-Jährige über den Zeitpunkt, als die erste Corona-Welle über sie hinwegschwappte. Anna-Lena blieb erst einmal bei ihren Eltern in München – so wie ihre ältere Schwester, die eigentlich in Mannheim studiert. „Nach drei Jahren plötzlich wieder mit meiner Schwester daheim zu wohnen, war ganz witzig, ein bisschen wie im Feriencamp.“
Eigentlich wohnt sie in einer WG in Würzburg und studiert dort Mathe und Englisch auf Lehramt. Doch das Virus hat auch ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt: Ihr Traum, ein Jahr lang in Irland zu studieren, ist ersatzlos geplatzt und Anna-Lenas Alltag hat sich völlig verändert.
Vor Corona war sie viel mit Freunden unterwegs, hat neue Leute kennengelernt und das Studentenleben genossen. Jetzt ist alles anders: keine Vorlesungen im Unigebäude, keine spontanen Treffen, keine neuen Kontakte. Die Vorlesungen und Seminare finden seit über einem Jahr nur noch online statt. „Man dümpelt so vor sich hin“, fasst Anna-Lena die Situation zusammen. Bei der vielen Lockdown-Zeit daheim habe sie angefangen, zu malen und Zeichensprache zu lernen. Letzteres „allerdings nur für drei Tage, dann habe ich lieber vor Netflix entspannt“, sagt Anna-Lena lachend.
„Ich vermisse einfach die Leute, spontane Aktionen – und neue Kontakte zu knüpfen“, sagt die 22-Jährige. In den Online-Kursen kenne man kaum noch jemanden, sei auf sich alleine gestellt und schreibe höchstens mal eine Mail. Statt in Bars und um die Häuser zu ziehen, sei es jetzt schon ein Höhepunkt, mal mit einem Kommilitonen vor Zoom ein Bierchen zu trinken. LARA LISTL
Lea Voderholzer, 17
Eigentlich wollte Lea Voderholzer im November stolz ihren Führerschein in Händen halten. Die Theorieprüfung hatte die 17-Jährige aus Prien am Chiemsee im Landkreis Rosenheim bereits im Sommer geschafft. Nur noch zwei Praxisstunden und die Prüfung – schon wäre das begleitete Fahren möglich gewesen. Doch die Pandemie verzögerte alles. Immerhin steht jetzt ein Prüfungstermin fest: Mitte März. „Ich bin wegen der langen Pause sehr unsicher am Steuer geworden.“
Der Führerschein ist aber nur eine Sache. „Ich fühle mich beraubt um zwei wertvolle Jahre meiner Jugendzeit, die ich nie mehr zurückbekomme“, sagt die 17-Jährige, die bald Abitur macht. In ihrem Alter sei die Lust auf Partys, Fahrten und Reisen besonders groß. Mit den strikten Kontaktbeschränkungen habe sich ihr Freundeskreis deutlich verkleinert. „Es hat sich auf die guten, festen Freunde reduziert. Sehr viele lose Kontakte, wie etwa Partybekanntschaften, sind alle weggefallen“, sagt sie. Auch der Schulabschluss wird unspektakulär über die Bühne gehen. Keine Abi-Fahrt, keine große gemeinsame Feier. Schöne Erinnerungen, die Lea Voderholzer nicht haben wird.
Sie verstehe, dass die Politik versuche, ältere Menschen zu schützen, sagt die 17-Jährige. Aber es müsse auch abgewogen werden, welche Folgen der Lockdown für die Psyche junger Menschen habe. „Vor allem“, sagt Lea, „werden sich die Jugendlichen hintergangen fühlen, wenn es bald Vorteile für Geimpfte gibt, obwohl sie selbst noch keine Möglichkeit dazu hatten.“
RAFFAEL SCHERER
Ludwig Stadler, 23
Als „rosig“ beschrieb Ludwig Stadler, 23, aus Markt Schwaben im Kreis Ebersberg seine Lage vor der Pandemie. Der Lehramt-Student (Deutsch und Sozialkunde) hatte einen Nebenjob im Online-Marketing. Er wollte ein neues Album herausbringen, samt einiger Konzerte in der Region. „Elles“ („Ell“ für Ludwig, „es“ für Stadler) nennt sich der 23-Jährige, der Klavier spielt und seine deutschen Kompositionen selber singt. Und für sein selbst gegründetes Online-Kultur-Magazin „KiM“ besuchte er fast täglich Konzerte und Theateraufführungen. Im Frühling 2020 sollte das Magazin erstmals Werbeanzeigen bekommen – und sich idealerweise zum Hauptjob entwickeln. „So hatte ich es geschafft, Berufliches und Hobbys endlich unter einen Hut zu kriegen“, sagt Stadler.
Doch die Freude währte nur kurz. Mit Einbruch der Pandemie wurde Stadlers Leben komplett auf den Kopf gestellt. Statt in Konzerten saß er auf einmal zu Hause und starrte die Wand an. „Corona hat all das, was ich mir aufgebaut hatte, von einem Tag auf den nächsten extrem ins Wanken gebracht“, sagt der 23-Jährige. Das Magazin musste auf Eis gelegt werden, der Nebenjob war weg. Die geplanten Konzerte wichen den geplanten Mahlzeiten, um einen Rest an Tagesroutine zu bewahren. Statt auf der Bühne gibt der „Liedermacher am Klavier“, wie er seinen Stil bezeichnet, wöchentliche Stream-Konzerte.
In der vielen restlichen Zeit entdeckte er seine Liebe zu Lego wieder. Die Winkelgasse aus Harry Potter hat er gekauft, und das Disney-Schloss und das Geisterhaus. 1200 Euro hat er im vergangenen Jahr für Lego ausgegeben und viele Stunden mit Zusammenstecken verbracht.
Was Ludwig seit Weihnachten immer mehr vermisst, ist die Absehbarkeit, das Licht am Ende des Tunnels. Wann kann sein Leben wieder so sein, wie es war? „Ich wurde zu einem großen Teil meiner Zukunftsperspektive beraubt“, sagt er mit Blick auf die andauernde Pandemielage. In seiner Branche wisse keiner, wie es weitergehe: „Man kann einem nicht einfach den Boden unter den Füßen wegreißen und sagen, man soll sich einen neuen Anker suchen. Denn es gibt keinen Anker.“ RAFFAEL SCHERER
Ronja Schneider, 18 Simon Obermüller, 18
Ronja Schneider hatte nach dem Abitur Pläne. Sie wollte armen Kindern helfen. „Mir wurde eine Stelle in Kenia angeboten, aber ich habe abgelehnt“, erzählt die 18-Jährige. Nach dem Abitur am Gymnasium Holzkirchen (Landkreis Miesbach) wollte sie eigentlich einen Freiwilligendienst antreten. Aber im Dezember schon für ein ganzes Jahr im Voraus zu planen, war der Abiturientin dann zu heikel.
„Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie jetzt, da gerade in Afrika die neuen Mutationen des Coronavirus grassieren. Und weil auch die Rucksackreise durch die Anden passé ist, will Ronja anderen Ländern mehr Beachtung schenken. Jetzt sieht sie es als „Chance“, bald für eine Organisation soziale Arbeit innerhalb Europas zu verrichten.
Doch erst mal gilt es nach dem langen Homeschooling, das Abitur zu schaffen. Ohne fixe Prüfungstermine fand Ronjas Freund Simon Obermüller oft nicht die Motivation zum Lernen. „Mir Mathe selbst beizubringen, ist mir meist misslungen“, sagt der 18-jährige Gymnasiast und weiß: „So habe ich Lücken aufgebaut, die ich bis zum Abi wieder schließen muss.“ Auch auf Traditionen wie den Abi-Ball oder die Abschlussfahrt wirkt Corona wie eine „Bremse“, sagt Ronja. Das lasse sich gerade kaum planen.
Dass die Lage nächstes Jahr „zumindest ansatzweise normaler“ ist, hofft das junge Paar sehr. Ronja und Simon würden ihr Studium lieber in persona statt online beginnen. Nach dem Abitur will Simon deshalb einige Praktika machen, bevor er womöglich in „ein Studentenleben ohne Studentenleben“ startet.
Die Freunde, der Sport, die Partys. All das fehlt den beiden ziemlich. „Aber das kann man auch hinten anstellen“, sagt Simon. Als Jugendliche seien sie schließlich weder finanziell noch gesundheitlich am stärksten von der Krise betroffen. „An manchen Leuten nagt das trotzdem alles sehr. Vor allem an den Jüngeren, die schon lange nicht in der Schule waren“, meint der angehende Abiturient. Für sie sei das soziale Leben fast komplett verloren gegangen.
Ronja und Simon sind seit einem halben Jahr zusammen. Sie konnten sich so auch in den Wintermonaten sehen. Allerdings nicht, ohne sich Gedanken zu machen. „Man weiß, dass zwei Familien dranhängen“, erklärt Ronja, „da muss man wirklich aufpassen.“ CORNELIA SCHRAMM
Annika Behringer, 18
22.31 Uhr in einer Küche in Fauglia, Italien: Annika Behringer tauscht die Bleche im Backofen aus. Für den Jüngsten der Gastfamilie backt die 18-jährige Münchnerin eine Geburtstagstorte. „Es ist richtig schön, hier als Au-pair zu sein, und ich freue mich, dass es so gekommen ist.“
Ihr ursprünglicher Plan war nämlich ganz anders: Nach dem Abitur wollte sie reisen. Zwei Monate im Auto mit einer Freundin durch Frankreich, Spanien, Portugal. Und dann nach Lust und Laune schauen, wohin es sie als Nächstes zieht. Doch Corona hat all ihre Träume über den Haufen geworfen. Kurz vor dem Abitur hieß es plötzlich: „Ab jetzt bleiben alle zu Hause.“ Allein. Auf ungewisse Zeit. Keine Treffen, keine Lerngruppen, kein Miteinander. „Die letzten gemeinsamen Wochen vorm Abitur wurden uns einfach geklaut“, erinnert sich Annika traurig.
Ihre Reisepläne fielen ebenfalls der Pandemie zum Opfer. Aus dem monatelangem Roadtrip durch mehrere Länder wurden zwei Wochen Surfurlaub in Portugal – sowie die neue Idee, als Au-pair in die Toskana aufzubrechen.
Die Zeit vor Italien nutzte Annika trotz Corona für erste Berufserfahrungen: Sie arbeitete in einem Münchner Café, schnupperte als Praktikantin in den Lokaljournalismus. „Statt zu reisen habe ich durch die Pandemie mehr Einblicke in verschiedene Berufe bekommen“, sagt die positiv denkende Münchnerin.
Annikas Hoffnung, in Italien noch neue Leute kennenzulernen, ist groß. „Die Gegend alleine zu erkunden, ist ziemlich spannend, aber es wäre schön, auch mal wieder ein Wochenende mit wem anderen zu teilen“, sagt sie. Für ihre Heimreise nach Gräfelfing hat sie sich ein besonderes Ziel gesetzt: Statt mit Maske stundenlang im Zug zu sitzen, will sie die über 700 Kilometer auf ihrem Rennrad zurücklegen. LARA LISTL
Anna Stocker, 25
Anna Stocker aus München denkt oft an ihren Opa. Er starb letztes Jahr in Österreich, wo ihre Familie wohnt. Wegen der Quarantänebestimmungen konnte sie nicht zur Beerdigung, um sich von ihm zu verabschieden. „Ich habe es Monate danach immer noch nicht realisiert, dass er wirklich gestorben ist“, sagt die 25-Jährige, die Grundschullehrerin werden will. Immer wieder kam ihr der Gedanke, ihn anzurufen. Das besserte sich erst, als sie später an seinem Grab stand. „Das war ein komisches Gefühl, wenn jemand fehlt und auf dem Grabstein einfach ein neuer Name steht.“
Dann ging ihr Freund zum Studieren ein halbes Jahr nach Frankreich. Fernbeziehung. Nur digitaler Kontakt. Keine Besuche in den Ferien. Frankreich war pandemiebedingt „Risikogebiet hoch zehn“, erzählt Anna. „Das war eine riesige Umstellung vom täglichen Zusammenleben auf engstem Raum zur mehrere Monate langen Fernbeziehung.“ Anna hat ihr soziales Leben insgesamt runtergefahren. Die meiste Zeit verbringt sie mit Spaziergängen und Büchern. Aber sie kann es kaum erwarten, mit ihren Freunden „wieder zu feiern und sich einfach so zu umarmen, ohne die Beschränkungen im Hinterkopf. Es ist schrecklich, dass sich früher oder später jedes Gespräch nur noch ums Thema Corona dreht“. RAFFAEL SCHERER