UNSERE HEIMATSPITZE

Verräterischer Bastardbalken

von Redaktion

VON BEZIRKSHEIMATPFLEGER NORBERT GÖTTLER

Von der Gender-gerechten Schreibweise bis zur Anti-Rassismus-Kampagne im Fußball – zu Recht legt man heute viel Wert darauf, diskriminierende Formulierungen und Zeichen aus dem Alltag zu verbannen. Meist sind es ja Randgruppen und Unterprivilegierte der Gesellschaft, die da ausgegrenzt und stigmatisiert werden sollen. Allerdings war früher auch die Oberschicht, der Adel, nicht gefeit vor hochoffizieller Brandmarkung.  Abkömmlinge, die nicht von der regulären Ehefrau des Hochwohlgeborenen, sondern von einer seiner zahlreichen Konkubinen stammten, mussten sich eine derbe Signatur gefallen lassen: das Bastardwappen, gekennzeichnet durch einen roten Querbalken, dem Bastardbalken! Dieses stigmatisierende Kains-Zeichen hatte eine Doppelfunktion. Zum einen war es natürlich ein süffisanter bis diskriminierender Hinweis auf die außereheliche Herkunft des Betreffenden. Zum anderen war ein Bastardwappen besser als gar keines und immerhin ein Beleg dafür, dass der illegitime Spross als solcher anerkannt, wenngleich nicht erbberechtigt war.  Viele europäische Adelshäuser von den Beauforts über die Vendomes bis zu den Queensberrys kennen ein Bastardwappen in ihren Ahnentafeln. Und was den europäischen Nachbarn recht war, war dem bayerischen Adel billig! Über dem Eingangsportal des Palais Holnstein, seit 1821 Sitz des Münchner Erzbischofs in der Kardinal-Faulhaber-Straße 7, prangt er, der Bastardbalken, und zeugt von der Zeugungskraft des Wittelsbacher Kurfürsten Karl Albrecht.  Maria Caroline Charlotte von Ingenheim war der Name der jungen Mätresse, ihren gemeinsamen Sohn Franz Ludwig hat der Kurfürst später legitimiert und zum Grafen von Holnstein gemacht. Ob diesen der Bastardbalken über seiner Haustür geärgert hat, ist nicht überliefert, zu besichtigen ist das schöne Stück bis auf den heutigen Tag! Und die junge Mätresse hat, auf die Schnelle verheiratet mit dem Hofkämmerer Hieronymus von Spreti, noch weiteren 14 Kindern das Leben geschenkt. Alle legitim, vermutlich.

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