Verstärkung für Bayerns Steinböcke?

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

München – „Steinböcke fliegen durch die Luft“, titelte unsere Zeitung am 13. Juli 1967. Ein Hubschrauber der 1. Gebirgsdivision Mittenwald setzte damals vier Stück Steinwild aus dem Schweizer Wildgehege St. Gallen im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen ab. Die Helfer vor Ort bildeten eine Menschenkette, sodass die Tiere schnurstracks in die Steilwände der Benediktenwand kletterten. Dort leisteten sie fortan dem legendären Steinbock Gesellschaft, den alle nur „den Alten“ nannten und der acht Jahre zuvor aus dem Bächental in Tirol eingewandert war. Die Steinwild-Kolonie an der Benediktenwand war geboren.

Heute leben in der Kolonie etwa 80 bis 100 Tiere. Doch weil wegen der isolierten Lage kein Austausch mit anderen Populationen stattfindet, stammen all diese Böcke und Geißen von dem Alten, seinen vier eingeflogenen Artgenossen und zwei weiteren Tieren, die später hinzukamen, ab. Das ist ein Problem, wie Iris Biebach von der Uni Zürich erklärt. Sie hat mehr als 50 Steinwild-Populationen in ganz Europa untersucht – die Kolonie an der Benediktenwand hat die größte Inzuchtquote von allen. „Langfristig hat das Folgen“, sagt Biebach. Die Tiere zeugen weniger Nachkommen, leben kürzer und sind anfälliger für Krankheiten. Deshalb soll die Kolonie nun Verstärkung bekommen. Zehn Tiere aus der Schweiz sollen im Lauf des nächsten Jahres an die Bene-Wand umgesiedelt werden, wie der Bayerische Jagdverband verkündet hat. Die Kosten in Höhe von rund 100 000 Euro tragen die Jäger, betont der Verband.

Ein großer Steinbock-Freund sitzt auch im Landratsamt Bad Tölz. Franz Steger, Sachgebietsleiter für Umwelt, sagt, ihm gehe das Herz auf, wenn er bei den Zählungen die tierischen Akrobaten im Fels klettern sehe. Er freut sich über die Pläne, die von der Arbeitsgruppe Steinwild der Hochwildhegegemeinschaft Isarwinkel und der Unteren Jagdbehörde des Landratsamtes unterstützt werden. „Allerdings müssen erst einige offene Fragen geklärt werden“, betont Steger. So steht noch die Zustimmung des Schweizer Bundesamts für Umwelt aus, ob die Tiere aus dem Wallis auch zur Ausfuhr freigegeben werden. Und am Ende muss auch das Bayerische Landwirtschaftsministerium als oberste Jagdbehörde sein Okay geben. Dort liege bislang noch kein Antrag vor, die Zustimmung sei auch keineswegs nur Formsache, wie vom Jagdverband mitgeteilt, betont ein Ministeriumssprecher. Auch der Bund Naturschutz sieht noch viele Fragen offen. „Wir finden es befremdlich, dass ein Projekt öffentlich diskutiert wird, bevor die Inhalte genau bekannt sind und das Verfahren formell auf den Weg gebracht wurde“, sagt Ralf Straußberger, Referent für Wald und Jagd.

Steinwild gibt es in Bayern nicht nur an der Benediktenwand. Auch in den Kreisen Miesbach und Rosenheim, im Allgäu sowie im Berchtesgadener Land lebt ein Teil der geschätzt rund 800 Tiere im Freistaat. Doch sie alle sind im Gegensatz zur isolierten Kolonie an der Bene-Wand Grenzgänger, die zwischen Bayern, Tirol oder Vorarlberg hin und her kraxeln. Steinwild unterliegt in Bayern dem Jagdgesetz, ist aber ganzjährig geschont. An der Benediktenwand wurden in den vergangenen Jahrzehnten vereinzelt Tiere zum Abschuss freigegeben, wenn die Population zu groß wurde.

Dass Aussiedlungen nicht immer erfolgreich sein müssen, haben die Steinwild-Freunde an der Benediktenwand leidvoll erfahren müssen. 1970 sollten zwei weitere einjährige Geißen aus dem Frankfurter Zoo zu der noch jungen Kolonie stoßen. Doch sie überlebten keinen Monat. Sie waren der rauen Wildnis nicht gewachsen.

Das soll nächstes Jahr natürlich anders laufen, falls alle Genehmigungen erteilt werden. Auch der Hubschrauber wird wohl am Boden bleiben. „Geplant ist, die Tiere über die Südseite auf einem Forstweg mit dem Anhänger so weit wie möglich hinaufzubringen“, sagt Steger. Und dann hofft er, dass der Instinkt die Tiere schnell ganz nach oben treibt – als Akrobaten in die Wand.

Artikel 1 von 11