Pollenflug erhöht Corona-Risiko

von Redaktion

VON ANDREAS BEEZ UND DORITA PLANGE

München – Auch das noch: Während alle darauf hoffen, dass der Frühling mit milderen Temperaturen das Sars-Cov-2-Virus zurückdrängt, bekommt Corona jetzt Schützenhilfe von der Natur. Genauer gesagt vom Pollenflug. Hasel, Erle, Pappel & Co. fördern nämlich nicht nur Heuschnupfen, sondern indirekt auch die Pandemie. Das hat sich bei einer großen Studie herauskristallisiert, die gerade in einem renommierten Fachmagazin veröffentlicht worden ist. Die Federführung hatten Münchner Wissenschaftler von der Technischen Universität und vom Helmholtz Zentrum.

„Die Pollen machen uns empfänglicher für virale Infektionen“, erläuterte Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin, gestern bei der Präsentation der Ergebnisse. Der zusätzliche Risiko-Effekt sei im Frühjahr vermutlich besonders groß – egal, ob man Allergiker ist oder nicht, ergänzte ihre Kollegin Dr. Steffanie Gilles. Sie gehört neben Dr. Athanasios Damialis zu den Erstautoren der Studie. Daran waren 154 Forscher beteiligt. Das Team analysierte Pollendaten von fünf Kontinenten während der Pandemie und brachte diese in Zusammenhang mit Infektionszahlen und weiteren Informationen wie Besiedlungsdichte und Lockdown-Effekten. Die fundamentale Erkenntnis: Je höher die Pollenkonzentration in der Luft, desto mehr Menschen stecken sich mit dem Virus an. „In manchen deutschen Städten beispielsweise kamen im Untersuchungszeitraum zeitweise pro Tag bis zu 500 Pollen auf einen Kubikmeter – was insgesamt zu einem Anstieg der Infektionsraten um mehr als 20 Prozent führte“, so die Münchner Wissenschaftler. „Galten in den untersuchten Gebieten Lockdown-Regeln, halbierte sich die Zahl der Infektionen im Schnitt jedoch bei vergleichbarer Pollenkonzentration in der Luft.“ Offenbar, weil mehr Leute zu Hause geblieben sind.

Wie aber helfen die Pollen dem Virus dabei, sich im Körper einzunisten? Vereinfacht erklärt schwächt der Pollenflug die Immunabwehr. Der Hintergrund: Normalerweise bilden Zellen bestimmte Eiweiße, nachdem sie mit dem Coronavirus infiziert sind. Diese sogenannten antiviralen Interferone signalisieren den Nachbarzellen, dass sie in den Abwehrmodus schalten sollen, um die Erreger in Schach zu halten. Wenn allerdings neben Viren gleichzeitig Pollen eingeatmet werden, werden weniger Interferone gebildet – oder anders ausgedrückt: Das Frühwarnsystem des Immunsystems wird heruntergefahren.

Deshalb sei es umso wichtiger, während des Pollenflugs konsequent Masken zu tragen, betonen die Münchner Wissenschaftler. Weil das Virus auch über die Augen auf die Schleimhäute gelangen könne, sei es zudem sinnvoll, im Freien eine Brille zu tragen, so Traidl-Hoffmann. „Eine Corona-Infektion über die Augen ist allerdings unwahrscheinlich“, ergänzt ihre Kollegin Gilles.

Auch zum Thema Pollenflug gibt es neue Erkenntnisse: Pollen werden von weither über hunderte Kilometer aus fernen Regionen nach Bayern geweht. Ein Phänomen, das bekannt, aber bisher wissenschaftlich nicht systematisch erforscht war. Annette Menzel, Professorin für Ökoklimatologie an der TUM, und ein Team aus Forschern werteten die Daten von sechs bayerischen Pollen-Messstationen (Münnerstadt, Bamberg, Erlangen, Zusmarshausen, München, Oberjoch/Oberallgäu) über 30 Jahre und für sieben Pollenarten mit starken Allergenen aus: Hasel, Erle, Birke, Esche, Kiefer, Süßgräser und Ambrosia. Von 2005 bis 2015 zeigte sich an drei Stationen, dass angewehte Pollen schon 17 Tage vor der regionalen Pflanzen-Blüte vor Ort waren. 63 Prozent dieser Pollen stammten nicht aus der lokalen Gegend. 75 Prozent der Pollen zum Start der Pollensaison in Oberjoch stammten nicht aus Bayern. In München und Erlangen waren es 63 Prozent. An beiden Stationen zeigte sich dieser Effekt sogar in der Haupt-Pollensaison. Zu lokal blühenden Pflanzen kamen reichlich angewehte Pollen hinzu. Das erschwert die Pollen-Vorhersage für Allergiker. 12,5 Millionen Menschen sind deshalb in Deutschland in Behandlung.

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