Hoffen, dass es einmal ein Ende gibt

von Redaktion

ALTE SCHRIFTSTÜCKE Briefe des Malers Ulrich Modersohn, der 1943 im Russland-Feldzug starb

München/Fischerhude – Eine anonyme Einsendung bietet Anlass, an einen fast vergessenen Künstler zu erinnern: Ulrich Modersohn (1913–1943) hatte in den 1930er-Jahren an der Münchner Kunstakademie studiert, er lebte abwechselnd in Hindelang im Allgäu und in der Künstlerkolonie Worpswede/Fischerhude bei Bremen. Eine begabte Künstlernatur, die freilich noch auf den Durchbruch wartete. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg, Ulrich Modersohn wurde Soldat. Den Überfall auf die Sowjetunion musste er vom ersten Tag an mitmachen. Und hörte von daheim, dass seine ihm sehr nahe stehende Cousine als Widerstandskämpferin in die Hände der Nazis geriet. Sie starb unterm Fallbeil. Und auch Ulrich Modersohn überlebte diesen mörderischen Krieg nicht.

Wie es der Zufall so will also: Ein Anonymus sandte unserer Redaktion einen Packen alter Briefe offenbar aus dem Nachlass einer verstorbenen Frau aus Schwaben, darunter Abschriften einer Korrespondenz mit der Familie des Malers und Lyrikers Ulrich Modersohn. „Vielleicht findet sich jemand, der die Unterlagen verwerten kann“, schrieb der Absender dazu.

Mit seinen Bildern suchte Ulrich Modersohn einen eigenen Weg zwischen Romantik und Expressionismus. Meist sind seine Landschaften düster, schwer, selten gibt es auch Farbenfrohes. „Er war unterwegs zu neuen Ausdrucksformen, ein Künstler und ein tief religiöser Denker, immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen in der Natur und im Menschenleben.“ Das schrieb der russische Dissident und Schriftsteller Lew Kopelew 1991 in einem Vorwort zum Ausstellungskatalog, der das Werk Ulrich Modersohns abbildet.

In Fischerhude bei Bremen gibt es das Otto-Modersohn-Museum. Otto Modersohn war der Vater von Ulrich und dessen Bruder Christian – alle drei Künstler. Das Museum hat fast alle Bilder von Ulrich, dazu seine Briefe, die er aus dem Krieg an seine Mutter Louise nach Hindelang im Allgäu sandte. Louise wiederum pflegte Korrespondenz mit einer Martha Längst aus Reisensburg, einem Ortsteil von Günzburg. So wanderten Abschriften der Briefe von Ulrich an seine Mutter zu Martha Längst – über deren Existenz auch der Leiter des Fischerhuder Museums, Rainer Noeres, nichts wusste. Es sind zehn Seiten, mit Schreibmaschine getippt, Briefe aus der Anfangsphase des Russlandfeldzugs. Hier einige Auszüge:

Polen, 22. Juni 1941: „Liebe Mutti! Sicher wirst du in Sorge um mich gewesen sein. Da kann ich dir nur schreiben, daß es mir und uns allen ausgezeichnet geht. Anscheinend haben wir den Russen heute früh gewaltig überrascht.Unsere Artillerie und Stukafeuer war aber auch eine reine Hölle für ihn.“

Rußland, 17. Juli 1941: „Liebe Mutti! (…) Die oft tagelangen Wälder stecken oft noch voll starker Feindgruppen, die den Nachschub zu stören suchen. Gestern hatte unsere Infanterie einen schwarzen Tag. Das am ärgsten betroffene Regiment hatte 150 Tote. (…) Aber ich halte das Marschieren gut aus. (…) Aber es wär alles nicht so anstrengend, wenn die Wege nicht so grundlos wären.“

24. August 1941: „Lieber Hans! (…) Dies Rußland ist so elend und öde, daß man mit der Zeit glaub ich fast schwermütig werden könnte.“

27. August 1941: „Meine liebe Mutti! Das war gestern ein schwarzer Tag für mich. Meine Brieftasche mit sämtlichen Inhalt (…) ist mir gestohlen worden. Vermutlich von Kindern, die immer unsere Lagerplätze absuchen. (…) Wir marschieren immer weiter nach Osten, haben schon länger keine Feindberührung mehr. Hoffentlich kriegen wir ihn einmal zu fassen, daß es einmal ein Ende gibt.“

30. August 1941: „Gestern sah ich bei einem Bauern im Herrgottswinkel ein schönes altrussisches Bauernbild: Heiliger Georg. Verkaufen wollte er ihn nicht, aber da er sah, daß ich ihn leiden mochte, hat er ihn mir geschenkt.“

24. September 1941: „Morgens reiten wir immer, es geht gleich los. Das ist sehr schön, so über das weite Land zu traben. Man spürt fast nichts vom Kriege, nur am Horizont grollt es dumpf und steigen Brandwolken zum Himmel. (…) Man muss auf der Hut sein. Partisanen haben schon manches Unheil angerichtet.“

Was eigentümlich ist: Ulrich Modersohn „hat im Krieg überhaupt nicht gemalt“, sagt Museumsleiter Rainer Noeres – im Gegensatz zu seinem Bruder Christian, der Kriegszeichner in einer Propagandakompanie war.

Auch die Todesnachricht ist unter den zugesandten Dokumenten. „Am 14. Juli 1943 fiel in den Wäldern von Lutschki tief beklagt von seiner Truppe der Kunstmaler Obergefreiter Ulrich Modersohn“, heißt es da. „In tiefem Schmerz“: Louise Modersohn (die Mutter), Christian Modersohn (der Bruder) und eine Johanna Eißler mit Freunden. Trauerfeiern in Hindelang und Fischerhude.

Nur drei Wochen später, am 5. August 1943, wurde seine ihm eng vertraute Cousine Cato Bontjes van Beek, erst 22, in Berlin-Plötzensee wegen Verbreitung illegaler NS-feindlicher Flugblätter mit einem Fallbeil hingerichtet.

Wie Ulrich Modersohn ums Leben kam, dazu gibt es nach Angaben des Museums drei Theorien: Starb er beim Räumen einer Mine? War er desertiert? Oder war es Selbstmord? Man weiß es nicht. Was man aber weiß: Es war ein kurzes Leben, 29 Jahre nur wurde der Künstler alt. DIRK WALTER

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