Starnberg – Täglich hat Stefan Frey Bürger am Telefon, die wissen wollen, wann sie sich endlich impfen lassen können. Die Verzweiflung ist groß. Der Frust darüber, dass nichts vorwärtsgeht, ebenfalls, berichtet der Starnberger Landrat. Er hat die große Sorge, dass er seinen Bürgern bald ein Desaster erklären muss, dass er durch die neue bayerische Impfstrategie auf viele Landkreise zukommen sieht: endlich genug Impfstoff, aber zu wenig Kapazitäten, um ihn zu verimpfen.
Hintergrund ist der Wechsel in der Impfstrategie. Landkreise und Städte hatten diese Woche erfahren, dass sie ihre Impfzentren nicht wie bisher geplant weiter ausbauen sollen (wir hatten berichtet). Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) will künftig den Großteil des verfügbaren Impfstoffs in den Arztpraxen verimpfen lassen. Die bayerischen Impfzentren sollen 43 000 Impfdosen täglich erhalten – bei einer Prognose von 110 000 Impfdosen insgesamt. Einzelne Landkreise hatten ihre Pläne für weitere Impfzentren sofort auf Eis gelegt, als sie davon erfuhren. Frey hingegen hatte die Verträge für zwei weitere Zentren bereits unterschrieben. Aber selbst wenn nicht alles schon auf den Weg gebracht wäre, hätte er daran festgehalten, sagt er. Denn er glaubt nicht, dass die Arztpraxen täglich wie prognostiziert 20 Patienten impfen können. Frey geht eher von zehn aus. „In kleinen Praxen vielleicht noch weniger“, betont er. Nicht berücksichtigt seien außerdem die freien Nachmittage, Wochenenden und Urlaube in den Praxen. „Sie sind räumlich und personell einfach nicht auf Massenimpfungen ausgerichtet“, argumentiert er. „Die Impfzentren schon.“
Gemeinsam mit dem BRK, das in Starnberg das Impfzentrum betreibt, hat Frey nun ein Gegenkonzept ausgearbeitet, das er an Holetschek und Ministerpräsident Markus Söder schicken will. „Die Einbindung der Hausärzte ist sinnvoll“, sagt er. „Aber wenn sie den Hauptteil der Impfungen übernehmen müssen, werden sie überflutet werden von Fragen und Terminwünschen.“ Es werden zwei Flaschenhälse entstehen, fürchtet er. „Den Praxen fehlen Kapazitäten, den Impfzentren Impfstoff.“ Es wird viel Frust und viele Schuldzuweisungen geben, fürchtet er. „Und es könnte so kommen, dass wir im Mai aufgefordert werden, die Impfzentren doch wieder auszubauen. Dann wäre viel Zeit verloren.“
Das Modell, das er mit dem Starnberger BRK-Kreisgeschäftsführer Jan Lang entwickelt hat, wäre auf alle Landkreise übertragbar, sagt Frey. Die Impfzentren rufen nach dieser Idee weiterhin den Impfstoff für die Landkreise ab und beliefern die Arztpraxen nach deren Wünschen damit. Alles, was übrig bleibt, wird im Impfzentrum verimpft. Zudem würden Mitarbeiter des Impfzentrums die Praxisteams vor Ort unterstützen. Für Starnberg hat Lang das Konzept durchgerechnet. „Mit den geplanten fünf Impfzentrum-Außenstellen und mindestens einer Arztpraxis pro Gemeinde wären bis Juli alle geimpft“, sagt er. Ohne dass Praxen überlastet oder im schlimmsten Fall sogar zu Corona-Hotspots werden, betont er. Voraussetzung ist natürlich, dass pro Tag die angekündigten 1400 Dosen Impfstoff geliefert werden. Aktuell hat der Kreis Starnberg Impfstoff für rund 340 Impfungen täglich.
Auch in München kommt nun Protest gegen den Kurswechsel auf – ebenfalls von der CSU. Am Mittwoch hatte die Stadt die Pläne für die weiteren Impfzentren auf Eis gelegt. Die CSU-Stadtratsfraktion fordert die Verwaltung nun auf, an den geplanten Zentren festzuhalten. „Wir müssen auf alle Pferde setzen“, sagt der Fraktionsvorsitzende Hans Theiss. „Die Problemlage ist überall dieselbe“, sagt Landrat Frey. Das Starnberger Konzept würde überall funktionieren, davon ist er überzeugt. Nun will er versuchen, auch Söder und Holetschek davon zu überzeugen.