Der Fall Ursula Herrmann als Krimi

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Im September 1981 hatte Christa von Bernuth seit einem Jahr ihr Abi. Doch ihre Schulzeit im Internat am Ammersee war plötzlich wieder ganz nah, als der Fall Ursula Herrmann bekannt wurde. Die Neunjährige war damals von Unbekannten auf dem Heimweg bei Eching am Ammersee entführt, in eine Kiste gesperrt und vergraben worden. Weil die Luftzufuhr nicht funktionierte, erstickte das Mädchen. Jahrzehntelang wurde ermittelt, vor elf Jahren wurde ein Mann rechtskräftig verurteilt, obwohl es keinen direkten Beweis gegen ihn gab – bis heute beteuert er seine Unschuld. Ermittelt wurde damals auch im Umfeld des Internats. Ergebnislos.

Bernuth ist Journalistin. Erst wollte sie eine Reportage über den Fall schreiben. „Aber es waren schon so viele andere Journalisten dran“, berichtet sie. Also hat sie sich für die Fiktion entschieden – für einen Krimi über Ursula Herrmanns Fall, der nun erschienen ist. Geholfen hat ihr dabei Michael Herrmann, der Bruder des getöteten Mädchens. „Erst war er nicht begeistert von der Idee“, berichtet Bernuth. Er hatte selbst als Nebenkläger jahrelang vor Gericht gekämpft und war gescheitert, er wollte den Fall abschließen. „Dann rief er aber doch noch mal an.“ Er hatte sich entschieden, ihr Buchprojekt zu begleiten, und stellte der Münchnerin Unterlagen zur Verfügung. Heute sagt sie: „Ohne seine Hilfe wäre das Buch anders geworden.“ Weniger detailreich.

Die Geschichte, die sie geschrieben hat, stimmt in weiten Teilen mit Ursula Herrmanns Entführung überein. Nur, dass das Mädchen in dem Buch Annika heißt. Auch in ihrem Krimi führt eine Spur in das Internat – und auch im Buch bleiben die Ermittlungen in der Schule oberflächlich, passieren der Polizei gravierende Fehler. Bernuth kennt den Internatsalltag gut und konstruiert rundherum eine Geschichte. „Das Buch ist ein Erklärungsversuch, wie es gewesen sein könnte“, sagt sie. Es basiert auf den Ermittlungsakten. Figuren und Schlussfolgerung sind aber fiktiv. Sie hat sich an einigen Stellen bewusst von der Realität getrennt – und gleichzeitig ließ sie ihre Erfahrungen aus der Schulzeit einfließen. „Ein Internat ist ein eigener Kosmos“, sagt sie. Der soziale Druck könne dort besonders groß werden, Freunde zu haben, sei besonders wichtig. Nicht dazuzugehören besonders hart.

Der Fall galt juristisch als abgeschlossen. Eine Entführung mit Todesfolge wäre inzwischen auch verjährt. Doch vor einigen Monaten tauchte ein Bekennerschreiben auf. Der anonyme Verfasser behauptet darin, die Tat begangen zu haben und damals Schüler des Internats gewesen zu sein. Auch Michael Herrmann hatte nach eigenen Recherchen eine ähnliche Theorie. Christa von Bernuths Erklärungsversuch geht nun in dieselbe Richtung. Sie gab ihren Krimi Michael Herrmann vor der Veröffentlichung zum Lesen – und war sehr erleichtert, als er ihr schrieb, dass er das Buch gelungen finde, erzählt sie. „Ich würde der Familie so wünschen, dass der Fall doch noch aufgeklärt wird.“

Der Krimi

„Tief in der Erde“ ist im Goldmann Verlag erschienen. 380 Seiten, 16 Euro.

ISBN 978-3-442-31573-4

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