München – Susanne Sevim ist Berufseinstiegsbegleiterin an einer Münchner Mittelschule. Sie betreut Schüler auf ihrem Weg vom Abschluss bis zur Ausbildung. „Ich bin für sie große Schwester, Berater und Lehrer in einem“, sagt Sevim. An eine Achtklässlerin denkt sie noch oft zurück. Die 14-Jährige stammte aus Syrien und trug ein Kopftuch. Deshalb hatte sie es – trotz guter Sprachkenntnisse – bei vielen potenziellen Arbeitgebern zusätzlich schwer.
Wie die Bewerbungen in Deutschland ablaufen, wussten ihre Eltern nicht. Deshalb traf sich die Schülerin einmal die Woche mit Sevim. Gemeinsam überlegten sie, welcher Beruf für sie infrage käme. Arzthelferin wollte sie werden. „Das Potenzial war da, sie brauchte nur etwas Unterstützung. Die Noten waren top, aber es hat Absagen geregnet“, sagt Sevim. „Ich mag nicht mehr und schicke nichts mehr raus“, gestand das Mädchen ihr irgendwann. Heute arbeitet sie in einer Praxis und ist dort total glücklich. Ohne Sevims Unterstützung hätte sie diese Stelle wohl nie bekommen.
Jutte Kienzle, Geschäftsführerin der Kolping Bildungsagentur in München, kennt die Probleme ihrer Mitarbeiter: „Die Jugendlichen kommen oft aus prekären oder bildungsfernen Familienverhältnissen.“ Sie stammen aus Hartz-IV-Haushalten oder leben in beengten Wohnungen. Migrationshintergründe erschweren vielen von ihnen die Kommunikation mit Lehrern oder potenziellen Ausbildern. So seien die Aussichten auf Abschluss und Ausbildung oft nicht rosig. „Sie brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt und ihnen ihre Stärken zeigt“, sagt Kienzle.
Doch diese individuelle Starthilfe kostet Geld. „Einen Jugendlichen über zweieinhalb Jahre zu begleiten, kostet etwa 9000 Euro“, sagt Kienzle. Eine Investition, die sich ihr zufolge aber schon binnen 18 Monaten rechnet. Denn die geförderten Jugendlichen finden schneller eine Stelle und sind so nach dem Abschluss nicht direkt auf Sozialhilfe angewiesen.
Zu jeweils 50 Prozent finanzieren die Agentur für Arbeit und der Freistaat die Berufseinstiegsbegleitung an Mittel- und Förderschulen. Jetzt will Bayern diese Förderung offenbar einstellen. Die Gelder für die Co-Finanzierung zog der Freistaat bisher aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Dieser soll ab dem kommenden Schuljahr aber deutlich weniger Geld beinhalten.
„Das wäre gerade jetzt eine Katastrophe“, sagt Kienzle. Die Pandemie gehe nicht spurlos an den ohnehin schon sozial benachteiligten jungen Menschen vorbei. Sie greift nicht nur ihre Psyche an, sondern schafft auch Bildungsdefizite. Mehr denn je müsse man die Jugendlichen auffangen und ihnen eine Perspektive bieten.
Diese Förderung „klammheimlich“ zu streichen, ärgert auch die Landesvorsitzende der Grünen, Eva Lettenbauer. Gemeinsam mit FDP und SPD haben die Grünen für heute eine Debatte im Landtag angestoßen. „Wenn im ESF weniger verfügbar ist, muss man Schwerpunkte setzen“, fordert sie. Die Programme für die Jugendlichen seien essenziell. Zur Not müsse Geld im Haushalt dafür bereitgestellt werden. „Die Sparmaßnahmen treffen junge Menschen, die es bereits vor Corona schwer hatten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ohne Unterstützung können sie es aber nicht schaffen.“