Erding/Garmisch-Partenkirchen/Planegg – So viel Zeit hatte Corinna Gunst noch nie für die Vorbereitung des Osterfestes. Normalerweise hätte die 54-Jährige jetzt Hauptsaison in ihrem „Reiseatelier“ in Erding, mit ihrer Geschäftspartnerin Karin Keller und den sechs Angestellten wäre sie im Buchungs-Dauereinsatz. Stattdessen lief über Monate so gut wie nichts. „Unsere Mitarbeiter sind leider mittlerweile zu 100 Prozent in Kurzarbeit“, sagt sie. „Uns blutet zwar das Herz, aber wir können sie uns jetzt einfach nicht leisten.“
Zu Beginn der Pandemie gab es noch jede Menge zu tun – bis November mussten stornierte Reisen rückabgewickelt werden. „Uns sind die Provisionen wieder genommen worden, wir haben für null gearbeitet.“ Für die temperamentvolle Frau gab es richtig harte Zeiten. Sie erlitt einen schweren Hörsturz, konnte nicht mehr schlafen. In dieser Zeit besann sie sich auf ihr Kunststudium: „Ich hab mich in die Malerei gestürzt und in einem halben Jahr 62 Bilder gemalt.“
Kurz nach Neujahr hatte sie gedacht: „Jetzt sind wir über den Berg.“ Doch der Aufschwung war nur kurz, dann kamen die Mutationen. Das war sehr frustrierend gewesen, berichtet sie. „Alles, was wir im Januar abgeschlossen haben und noch im Optionsstatus war, mussten wir wieder rausnehmen.“ Der erneute Stillstand war eine große Belastung. Die Fixkosten fürs Büro werden zwar zum Teil von der Überbrückungshilfe übernommen. Aber seit einem Jahr zahlt sich Corinna Gunst kein Gehalt mehr, sie lebt von Ersparnissen. Auch die Altersvorsorge wurde angeknabbert. „Die andere Option wäre gewesen, zuzusperren. Aber was mache ich dann? Ich liebe meinen Beruf und will endlich wieder loslegen.“
Jammern will sie nicht. Weil die Pandemie viele Branchen treffe. Und weil sie davon überzeugt ist, dass die Lage in Deutschland noch privilegiert ist. Aber natürlich: „Die Touristik hat es schon extrem erwischt.“ Viel privates Geld hat Corinna Gunst in ihr Büro gesteckt – weil sie fest an die Zukunft ihres Reiseateliers glaubt. „Bis zum Sommer halten wir durch“, sagt sie kämpferisch.
Die Reiseexpertin versteht, dass die Kunden jetzt nicht einfach drauflosbuchen, weil vieles völlig ungewiss ist – und sich die Vorgaben ständig ändern. Aber: „Jetzt ist tatsächlich eine kleine Trendwende da.“ Seit zwei Wochen verspürt sie ein steigendes Interesse aus ihrer Kundschaft. Die Impfrate steige, vor allem bieten große Reiseveranstalter gegen Gebühr eine Art Flex-Schutz an, mit dem man bis zwei Wochen vor Reiseantritt ohne Angabe von Gründen aus dem Vertrag auszusteigen kann. Gebucht wurden jetzt Reisen nach Mauritius oder auf die Malediven. „Die Leute sind so hungrig danach“, berichtet Gunst.
Diesen Eindruck hat auch Sabine Kirschner. Die 55-Jährige betreibt die Reiseecke in Garmisch-Partenkirchen – als Einzelkämpferin. Buchungen gibt es nur vereinzelt – allenfalls, wenn jemand zu seiner Familie nach Spanien fliegen will, berichtet sie. Über allem schwebe bei den Kunden auch die Angst: „Was ist, wenn ich vor Ort erkranke?“ Mit Überbrückungshilfen, positiven Gedanken und ihren Ersparnissen hält sich Kirschner über Wasser. Seit einem Jahr bezieht sie Hartz IV. „Sonst könnte ich meine Miete nicht bezahlen.“ Ihre Hoffnung: Dass es wieder etwas mehr Freiheit gibt, wenn die Impfungen endlich richtig losgehen. Einen Plan B hat sie nicht. Nur eines ist klar: Aufgeben will sie nicht. „Ich halte durch irgendwie. Ich habe sehr treue Kunden. Wenn es wieder losgeht, bin ich da.“
Auch Holger Voigt in Planegg (Kreis München) kämpft sich dank treuer Kunden durch die Krise. Sie sind sogar so treu, dass sie ihm im Lockdown Kuchen in sein SWS Reisebüro brachten. Oder auch mal ein Mittagessen. Sein einziger Mitarbeiter ist in Kurzarbeit, kommt aber vier Stunden pro Woche ins Reisebüro. „Damit wir den Kontakt zueinander nicht verlieren.“ Im Vergleich zu 2019 hat Voigt 90 Prozent weniger Buchungen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er von Ersparnissen. Aufgeben ist auch für ihn keine Option. Voigt hat in seinem Reisebüro sogar einen kleinen Weinhandel eingerichtet. Seltene Tröpfchen von Winzern aus Italien und der Steiermark, die nicht im Einzelhandel oder Online vertrieben werden. „Es macht Spaß, weil das derzeit positiver belegt ist als Reisen“, sagt er. Und er kann dadurch mit Kunden über etwas anders reden als die leidige Rückabwicklung von Reisen.