Die Wahrheit liegt unterm Gipfel

von Redaktion

Die Soiernspitze ist nach zwei wunderschönen Seen benannt

Die Soiernspitze im Kreis Garmisch-Partenkirchen ist mit ihren 2257 Metern der höchste Gipfel der Soierngruppe im bayerischen Karwendel. Betrachtet man den markanten Gipfel aus dem richtigen Blickwinkel, könnte man meinen, jemand habe eine Pyramide auf den Berg gebaut. Aber bis nach Bayern haben es die Pharaonen dann doch nicht geschafft.

Unterhalb des Gipfels liegen in einer Senke, nur 65 Meter voneinander entfernt, zwei Seen. Die Soiernseen mit ihrem türkisblauen Wasser hatten es schon Ludwig II. angetan. Ein wenig oberhalb ließ er die Soiernhäuser bauen. Ins obere zog sich der Märchenkönig gerne zur Erholung zurück. Des Nachts soll er über die Seen geschippert sein – in Booten, die sein Gesinde mühsam hinaufschleppen musste. „Ein Zugang zur Hütte, den die Bergsteiger meist gehen, nennt sich noch immer Lakaiensteig“, sagt der Münchner Namenforscher Wolf-Armin von Reitzenstein. Heute gehören die Häuser dem Alpenverein. Das obere, in dem Ludwig residierte, ist eine Schutzhütte. Das untere, einst des Königs Pferdestall, nutzt die Bergwacht.

Um den Namen des Berges zu verstehen, muss man unterhalb des Gipfels beginnen – bei den Soiernseen. In einem Beleg aus dem Hauptstaatsarchiv von 1536 heißt es: „ain See genant in dem Soiern“. In einem anderen Beleg von 1636 ist vom „See im Suren“ die Rede. Es folgen Seuirnsee (1677) und „See in Suiern“ im 17. Jahrhundert.

Und nun wird es ein bisserl verrückt. Wie Reitzenstein erklärt, handelt es sich bei der Benennung der Seen um eine Tautologie – eine Häufung gleichbedeutender Wörter. Soin, Soila oder Soier (Plural Soiern) sind nämlich althochdeutsche Wörter für See. Soiernsee heißt im Grunde also „Seensee“.

Wie es zu dieser Doppelung kam? „Weil man die alte Wortform irgendwann nicht mehr verstanden hat, hat man das Grundwort See hinzugesetzt“, sagt Reitzenstein. Der Gipfel ist folglich nach seinen beiden Seen benannt. 1774 ist vom „Suern Berg“ die Rede, es folgen Suern Berg (ca. 1800), Suiernspitz (1801-1806), Soyernspitz (1820) und Soiern Spitz (1829). Soiernspitze bedeutet so viel wie: der Gipfel über dem See. Die Tautologie blieb dem Gipfel erspart – sonst würde er Soiernseenspitze heißen.

In der Quelle von 1820 wird der Berg übrigens auch als „Stiegenwand“ erwähnt. „Womöglich, weil die Stufen an der Nordseite des Berges sehr ausgeprägt sind“, sagt Reitzenstein. Durchgesetzt hat sich diese Bezeichnung nicht. WOLFGANG HAUSKRECHT

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