Lenggries – Es ist ein Freitag, 8 Uhr morgens. In der Ladehalle in Lenggries im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen geht es hoch her. Karotten, Pastinaken und Knollensellerie werden abgewogen, Kisten nach Größe sortiert, befüllt und in den Transporter verladen. Eine Frau hält Keimsprossen in der Hand. Sie ist eine von 600 Genossinnen und Genossen und sagt: „Hier wird viel gelacht und das ist auch gut so.“ Die gute Laune kommt nicht von ungefähr. Der Laden läuft. Mehr Gemüse als im Moment kann die Solidarische Landwirtschaft „Biotop Oberland“ weder produzieren noch liefern. Die Kapazitäten sind am Anschlag.
Die Obergenossen, das sind die beiden Gründer und Vorstände Nick Fischer und Sebastian Girmann, beide 35, beide aus Lenggries. 450 Kisten verlassen jede Woche den Hof. Gemüse für rund eintausend Personen – von Lenggries bis Tutzing. 80 Prozent des Kisteninhalts sind selbst angebaut, 20 Prozent kommen von regionalen Biobauern, werden dazugekauft. „Etwa bei Kartoffeln hat der Bauer viel besseres Werkzeug als wir. Da ist das billiger, einfacher und macht mehr Sinn“, sagt Nick Fischer.
Fischer und sein Jugendspezl Sebastian Girmann waren nicht immer Genossen. „Ich habe Gartenbau studiert und danach zwei, drei Jahre in einer Biogärtnerei gearbeitet“, sagt Girmann. In der Gärtnerei habe er schnell gemerkt, was ihm dort nicht passt. „Eine Zucchini musste quer in die Kiste. Wenn sie einen Zentimeter zu lang war, musste sie weggeschmissen werden – oder eine Karotte durfte nicht zweibeinig sein“, erzählt Girmann. Supermarkt-übliche Normen, die die Gärtnerei zu erfüllen hatte. Rund 30 Prozent des Gemüses, erinnert sich Girmann, passten nicht ins Schema des optisch Perfekten. „Ich verliere da echt den Spaß am Job. Da fließen so viel Zeit und Energie und Ressourcen hinein, bis man die Pflanze ernten kann – und dann wirft man ein Drittel in die Mülltonne. Da muss sich was ändern“ sagt er.
Deshalb tat er sich mit seinem Freund seit Kindertagen zusammen und startete 2015 das Experiment einer Solidarischen Landwirtschaft, kurz Solawi. Mit drei Freunden pachteten sie Flächen einer Biogärtnerei in Letten bei Bad Heilbrunn. „Wir haben gleich mit der vollen Bandbreite angefangen: Karotten, Mangold, Tomaten, Auberginen, Stangenbohnen, Gurken. Alles, was saisonal geht“, sagt Fischer.
Die ersten 30 Gemüsekisten fuhren sie im April 2015 aus. Ein Jahr später waren es bereits 80 Stück. Mit dem Wachstum kam die Erkenntnis, dass es ohne eigenen Betrieb wohl nicht mehr geht. Tatsächlich kamen sie mit einem idealistischen Landwirt ins Gespräch – und konnten ihn von der Solawi-Idee überzeugen. 2018 zogen sie nach Lenggries, Steinbach 8c.
„Das Erste, was vergrößert werden musste, war das Auto“, sagt Alfred Kirberich. Der 65-jährige Rentner belädt den Transporter gerade mit vollen Gemüsekisten. Kirberich ist einer der ehrenamtlichen Fahrer, die jeden Freitag die elf Abholstationen beliefern. Lagerräume von Bioläden, aber auch private Garagen oder Schuppen von Mitgliedern, die ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Die 600 Mitglieder profitieren alle vom Solawi-Gemüse. 150 Euro hat der Genossenschaftsanteil gekostet. Dazu kommen 68 Euro im Monat für eine kleine Kiste oder 105 Euro für eine große, die für drei Personen reicht. Auch auch eine fördernde Mitgliedschaft, bei der ein Anteil erworben wird, aber kein Anspruch auf einen Ernteanteil besteht, ist möglich.
Je nach Saison gibt es anderes Gemüse. Donnerstags wird geerntet, freitags ausgeliefert. Die Auslieferzentrale befindet sich in einer Halle bei Steinbach. Dort stapeln sich rechts die Kisten, auf der linken Seite sind zwei kleine Gewächshäuser, nicht größer als eine Vorratskammer, voller Keimlinge und Sprossen. Blickt man aus der Halle hinaus, sieht man neben rund anderthalb Hektar Feldern und dem Fluss auch die sechs Gewächshäuser – jedes etwa so groß wie ein halbes Fußballfeld. Stapft man auf dem Feldweg dorthin und wirft einen Blick hinein, kann man an den kleinen grünen Blättern im Boden die nächste Gemüseernte erahnen.
Von der Organisation über das Ernten bis hin zum Verladen oder Fahren können sich die Mitglieder aktiv einbringen. „Uns ist wichtig, dass den Genossen klar ist: Das ist nicht die Gärtnerei von Sebastian und mir, sondern sie gehört der kompletten Gemeinschaft“ sagt Fischer. Mittlerweile beschäftigt die Solawi zudem sechs festangestellte Gärtner.
Der direkte Bezug zum Gemüse, zu sehen, wo es unter welchen Umständen wächst, sei einer der Hauptgründe für die steigenden Mitgliederzahlen, sagt Fischer. „Es kommen viele Familien, die ihren Kindern zeigen wollen: So sieht eine Karotte aus, wenn sie wächst, so, wenn du sie ernten kannst, und so, wenn sie aus der Erde herauskommt.“ Lebensmittelskandale wie bei Tönnies kämen dazu. Und durch die Corona-Maßnahmen, sagt Fischer, sei das Bewusstsein für Bio-Gemüse nochmals erheblich gestiegen – weil die Leute mehr Zeit daheim mit Kochen verbringen: „Im März vor einem Jahr haben sie uns die Bude mit Anmeldungen eingerannt“, sagt der 35-Jährige.
Mit den 450 Kisten pro Woche ist die Solawi voll ausgelastet. Die Warteliste für Neugenossen ist rund 70 Namen lang. „Corona hat uns gezeigt, wie fragil unsere Strukturen sind“, sagt Fischer mit Blick auf leere Supermarktregale und Lieferengpässe. Deshalb begeistere Nachhaltiges aus der Region immer mehr Menschen. Gemüsekisten gibt es inzwischen von vielen Biogärtnereien. Auch Lebensmittelläden sind aufgesprungen. Das Geschäft boomt.
Fahrer Kirberich ist mittlerweile an der ersten Station, dem Bioladen „Grünes Warenhaus“, angelangt und lädt die Kisten aus. Daneben stellt er die „Tauschkiste“. Wer was nicht mag oder glaubt, nicht verbrauchen zu können, legt es hier rein. Damit möglichst wenig weggeworfen wird. Denn die Kisten sind standardisiert, individuelle Wünsche sind nicht möglich.
Kirberich legt jeder Kiste noch das „Wochenbladdl“ bei. Darin erfahren alle Mitglieder, was sich in der Gärtnerei tut – was angepflanzt wird, welche Arbeiten anstehen, wann Hilfe benötigt wird. Über das Bladdl fragen Fischer und Girmann auch ab, ob alle mit Angebot und Mengen zufrieden sind. Und es gibt Rezeptvorschläge.
Fischer und Girmann haben schon weitere Pläne: „Es gibt ein großes Interesse der Genossenschaft, dass wir unser Angebot breiter aufstellen: mit Obst, Getreide, Fleisch oder Honig aus der Region“, sagt Girmann. Nicht alles selbst produziert, aber in Zusammenarbeit mit regionalen Bauernhöfen sei das durchaus vorstellbar.
So solidarisch eine Solawi auch sein mag. Am Ende, sagt Girmann, sei der Aufwand ähnlich wie bei einer Firmengründung. „Unterschätzt das nicht“ rät er allen, die ihn fragen. Die Solawi sei mit sehr viel Arbeit und Organisation, auch außerhalb der Gärten, verbunden. Aber die große Nachfrage zeigt, dass sich die Mühe bezahlt gemacht hat.
Mehr Informationen
im Internet unter www.biotop-oberland.de.