Spritztour mit dem Fahrlehrer-Oldie

von Redaktion

VON CORNELIA SCHRAMM

Peiting – Handbremse lösen. Spiegel kontrollieren. Schulterblick. Blinken. Und dann erst losfahren. Eigentlich bin ich zuversichtlich, denn meinen Führerschein habe ich schon seit zwölf Jahren in der Tasche. Vor meinem Selbstversuch habe ich mir natürlich Gedanken gemacht: Was habe ich damals in der Fahrschule gelernt? Beherzige ich davon noch alles? Mulmig zumute wird mir dann schneller als gedacht. Schon nach den ersten Metern höre ich ein Räuspern. Und Günther Oechsle macht sich akribisch Notizen auf seinem Block.

Mit 83 Jahren ist Oechsle einer der ältesten noch aktiven Fahrlehrer Bayerns. Seit 1967 betreibt er eine Fahrschule in Peiting (Landkreis Weilheim-Schongau). Heute mimt er für mich den Fahrprüfer. Nach unserer Fahrt durch den Ort soll er mir sagen, ob ich die praktische Prüfung so ad hoc noch mal bestanden hätte.

„Seit der Bundeswehr bin ich Fahrlehrer für alle Klassen“, erzählt Oechsle. 59 Jahre Berufserfahrung hat der gebürtige Mannheimer. Die Suche nach einer eigenen Fahrschule führte ihn nach Peiting, wo er inzwischen ganzen Generationen das Fahren beigebracht hat. Aus der Ruhe bringt Oechsle also so schnell nichts. Routiniert gibt er mir Richtungsanweisungen – dabei stellt er auch die ein oder andere Falle.

Nachdem wir einen Bahnübergang überquert haben, heißt es: „Bei der nächsten Möglichkeit rechts abbiegen.“ Dass bei der kommenden Abzweigung die Einfahrt verboten ist, entgeht mir da zum Glück nicht. „Und? Wie mache ich mich?“, frage ich neugierig. „Es gibt Licht und Schatten“, sagt er und schmunzelt. Wenig später macht er sich schon wieder Notizen auf seinem Block.

„An der Prüfung scheitern vor allem die, die meinen, sie könnten schon alles“, meint er trocken. Das dachte ich von mir ja eigentlich auch. Und dass routinierte Autofahrer mit der Zeit „schludriger“ werden, weiß Oechsle gut. Genau deshalb lässt er mich wohl jetzt bereits das zweite Stoppschild anfahren.

Sogar die Polizei habe er schon dabei beobachtet, wie sie ein Stoppschild überfahren hat. Die Beamten hat der passionierte Fahrlehrer damals direkt darauf aufmerksam gemacht: „Mit Blaulicht und Sirene ist es okay, aber ansonsten müssen auch sie sich an die Regeln halten.“

In Sachen Stop-Schild kassierte Oechsle in jungen Jahren schließlich selbst einmal eine saftige Rüge: „Als ich mit 15 auf dem Fahrrad unterwegs war, hielt mich ein Polizist an“, erinnert er sich. Zwei Mark Strafe knöpfte der dem Lehrling ab – fast die Hälfte seines Lohns. „Und das, weil ich ein Stoppschild überfahren hatte“, amüsiert sich der 83-Jährige nun. Jetzt lässt er mich das dritte „Stop“ anmanövrieren.

So streng wie damals geht es heute gefühlt nicht mehr zu. Der Straßenverkehr werde viel weniger überwacht, obwohl mehr Menschen unterwegs seien, findet Oechsle. Für ihn ein Grund, weshalb vor allem junge Leute mit dem Auto heute unachtsamer unterwegs sind.

An seine Führerscheinprüfung erinnert er sich selbst noch genau. Von seinen ersten Autos schwärmt er, obwohl er heute eher MotorradFan ist und Harley-Davidson fährt. „Mein NSU Prinz 2E war etwas größer als ein Goggo“, erzählt Oechsle. Für 6000 Mark kaufte er sich nach der Bundeswehr einen brandneuen Opel Kadett A.

Aber nicht nur Auto und Motorrad fährt der 83-Jährige, auch den Bus-Schein hat er noch. Dafür macht er regelmäßig einen Gesundheits- und Reaktionscheck. Vergangenes Jahr bestand er nur den Sehtest nicht. „Wegen grauem Star wurde ich dann an beiden Augen operiert. Aber mit Brille habe ich jetzt wieder 100 Prozent“, erzählt Oechsle.

Sollte er einmal merken, dass es nicht mehr geht, will er den Fahrlehrer-Job sofort an den Nagel hängen. „Ich müsste ja eigentlich nicht mehr arbeiten“, sagt er. Aber bisher hält es ihn fit. „Zur Gefahr auf den Straßen will ich aber nicht werden.“ Man müsse sich selbst kontrollieren und fragen, „wann damit Schluss sein soll“, so Oechsle.

„Bin ich denn eine Gefahr auf der Straße?“, frage ich prompt. Er wirft einen Blick auf seinen Block. Dann legt er ihn weg. Er nimmt seine Sonnenbrille ab und verschränkt die Arme. Nach 20 Minuten ist die Fahrt beendet. Der Peitinger lässt mich einparken.

„Die Fahrschülerin ist schon verkehrssicher unterwegs gewesen“, resümiert Oechsle plötzlich ganz förmlich. Er lobt mein Verhalten am Bahnübergang, meine Schulterblicke und das Beachten der „Rechts vor Links“-Regel. Dann wird sein Ton ernst. „Die Hände gehören doch ans Lenkrad“, ermahnt er mich. „Außerdem hat sie dem Innenspiegel beim Abbiegen deutlich zu wenig Beachtung geschenkt.“

Das Genick gebrochen hat mir aber ein absoluter Klassiker unter den Durchfallgründen. Und das gleich mehrmals. Die Stoppschilder habe ich auf meiner Fahrt durch Peiting zwar nicht übersehen. Aber dass das Fahrschulauto da „jedes Mal minimal nachgerollt ist“, moniert Oechsle. Allen, die im Straßenverkehr unterwegs sind, rät der Fahrlehrer deshalb: „Am Stoppschild sollte man anhalten und dann langsam 21, 22 zählen.“ Und das gilt auch für die Polizei.

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