Parallelwelt aus Waffen, Wut und Hass

von Redaktion

VON NICO POINTNER

München/Stuttgart – Es sind zwölf ganz unterschiedliche Männer, die da auf der Anklagebank sitzen. Einer ist Krankenpfleger, einer Trockenbauer, einer Lagerist, mehrere sind arbeitslos. Der eine ist 61 Jahre alt, der andere gerade mal 32. Der eine kommt aus Minden in Nordrhein-Westfalen, der andere aus München. Der eine trägt die Haare schulterlang, der andere trägt Glatze. Aber glaubt man der Bundesanwaltschaft, verbindet alle zwölf Männer der Hass auf Ausländer, auf Muslime und Juden, auf politisch Andersdenkende. Und der Wunsch nach einem anderen Deutschland, das mit Gewalt geschaffen werden muss.

Diese Gemeinsamkeit ist der Grund, warum die zwölf Männer hier nun sitzen, am Dienstag vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim. Die terroristische Vereinigung „Gruppe S.“, benannt nach ihrem mutmaßlichen Rädelsführer Werner S., soll Schwerter und Schusswaffen gehortet und Anschläge geplant haben. Sie wollten Moscheen in kleinen Ortschaften überfallen und Muslime töten, die Pläne sollen zum Ende hin sehr konkret geworden sein. Der Anklage zufolge wollten sie damit „bürgerkriegsähnliche Zustände“ auslösen und die Gesellschaftsordnung ins Wanken bringen.

Die Verhandlung ist ein Mammutprozess. Einige Angeklagte halten sich am ersten Verhandlungstag Ordner vors Gesicht, als sie in Handschellen in den Saal geführt werden, andere betreten erhobenen Hauptes den Raum, nur die Corona-Maske als Verhüllung. Sie sitzen abgetrennt hinter dickem Panzerglas. Es ist ein besonderes Verfahren, weil es darum geht, wie Rechtsextremisten sich in Deutschland vernetzen, wie sie denken, wie gefährlich sie sind – einige Jahre nach dem NSU-Terror.

Im Zentrum steht Werner S., 55 Jahre, aus dem Raum Augsburg. Auf sein Betreiben soll sich die Gruppe im September 2019 gegründet haben. „Er war der Kopf“, sagt auch Oberstaatsanwältin Judith Bellay. Werner S. habe Mitglieder rekrutiert, Aufgaben zugewiesen, Waffen besorgt, sei für die anderen derjenige gewesen, „an dem kein Weg vorbeiführt“. Bereits 2014 reift in ihm demzufolge der Gedanke, dass er gegen die „drohende Überfremdung“ in Deutschland etwas unternehmen muss. In Chatgruppen sucht er gewaltbereite Gleichgesinnte. Er will eine kleine Armee aufbauen, dafür habe er gezielt Führungspersonal aus der rechten Szene anwerben wollen.

Die Männer kommunizierten der Anklage zufolge über Telegram-Chatgruppen. Sie waren vorsichtig, vereinbarten, dass keine Bilder von Waffen oder etwa von Adolf Hitler gepostet werden dürfen. Trotzdem verraten die Ermittlungsakten viel darüber, was in ihren Köpfen vorgeht. Die Angeklagten teilen demnach eine ausländerfeindliche und nationalsozialistische Grundhaltung, sie sprechen von „Menschenmüll“ und „Kakerlaken“, schwören sich „Treue im Tod“.

Im September 2019 trifft sich die Gruppe persönlich, auf einem Grillplatz in Baden-Württemberg. „Die Gruppe war sich über die Provozierung eines Bürgerkriegs und eines Systemwandels einig“, sagt Bellay. „Bei Brot und Wein wird Krieg besprochen“, mit diesen Worten soll Werner S. seine Gruppe auf ein weiteres Treffen Anfang 2020 eingestimmt haben.

Am 14. Februar wird die Bande hochgenommen. In bundesweiten Razzien stoßen die Ermittler auf allerhand Waffen. Von den zwölf Angeklagten sitzen seitdem elf in Untersuchungshaft. Einer befindet sich auf freiem Fuß – er gilt als Kronzeuge. Ein ursprünglich dreizehnter Beschuldigter starb vergangenes Jahr in der U-Haft.

Ob sich einer der Angeklagten in dem Prozess äußert, ist unklar. Zum Auftakt am Dienstag wurden vor allem Verfahrensfragen geklärt.

Artikel 1 von 11