München/Berlin – Wie viel Lernen ist durch die Corona-Pandemie bisher ausgefallen? Bildungsforscher zeichneten bei einer Online-Tagung der Berliner OECD-Vertretung ein düsteres Bild. Verlässliche Daten für Deutschland gibt es noch nicht, das Münchner Ifo-Institut hat sie für kommenden Dienstag angekündigt. Doch steht schon fest, dass Schulschließungen ein Grundübel sind – und Wissensverluste durch noch so guten Online-Unterricht nicht aufgeholt werden können. Ifo-Bildungsökonom Ludger Wößmann verwies auf eine erste Erhebung in den Niederlanden, wo es nach acht Wochen Schulschließung eine Leistungserhebung unter Schülern gab. Ergebnis: Der Lernverlust betrug 20 Prozent dessen, was man sonst in einem Schuljahr lernt. Für Wößmann liegt nahe: „Der Großteil der Schüler wird deutliche Einbußen haben.“
Von Ungefähr komme das nicht. Umfragen zeigten, dass sich die Beschäftigungsdauer mit Schulthemen in der Zeit der Schulschließungen fast halbiert habe – von bis zu sieben Stunden auf nur noch dreieinhalb pro Tag. Um über eine Stunde mehr hätten sich Schüler aber mit Fernsehen, Handys und Computerspielen aufgehalten. Selbstständiges Lernen falle gerade leistungsschwächeren Kindern schwer, sagte Wößmann.
Andreas Schleicher, Bildungschef beim OECD und hierzulande als „Mr. Pisa“ bekannt, stellte Deutschland allerdings im internationalen Vergleich kein verheerendes Zeugnis aus. Es sei versucht worden, Schulschließungen „lokal und regional“ zu begrenzen. Andere Länder seien brachialer vorgegangen, beispielsweise Costa Rica oder Kolumbien, wo fast ein ganzes Schuljahr verloren wurde. Auch seien die Bildungsinvestitionen in der Pandemie gestiegen, die Lehrer beim Impfen priorisiert worden (Negativbeispiel: Schweiz) und auch an Prüfungen festgehalten worden („alle durchzuwinken, ist die schlechteste Lösung“).
Doch gebe es in Deutschland auch schon oft beschriebenes Defizite: Die Digitalisierung hinke hinterher. So seien Spanien und Portugal bei der Organisation des Digitalunterricht gerade in der Anfangszeit sehr viel unorthodoxer vorgegangen, hätten beispielsweise auch Fernsehen zum Unterrichten systematisch genutzt.
Schon als Verantwortlicher für die Pisa-Leistungsstudien betonte Schleicher oft und gerne, dass gerade in Deutschland Bildung zu stark vom Einkommen der Eltern abhänge. Manche können das schon nicht mehr hören, doch die Pandemie ist für „Mr. Pisa“ Anlass, die ökonomische Seite der Bildung erneut herauszukehren. „Die Pandemie“, so betonte er, „hat die sozialen Disparitäten enorm verstärkt.“ DIRK WALTER