Menschen mit Sehbehinderung können Luca-App nicht nutzen

von Redaktion

München – Das Kabinett will künftig auf die neue Luca-App zur Kontaktnachverfolgung setzen. Doch die App ist nicht barrierefrei, wie der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) kritisiert. Auf den Flächen, die man anklicken muss, fehlt die Beschriftung. Ohne sie haben Blinde kaum eine Chance, den Button zu finden. Beschriftete Flächen werden mit einer entsprechenden Software vorgelesen, erklärt BBSB-Sprecher Karl Depner. Der Verband hat die Staatsregierung aufgefordert, mit dem Hersteller der App Kontakt aufzunehmen und nachzubessern, damit sie auch von blinden Menschen genutzt werden kann. Dass die Staatsregierung bei der Auftragsvergabe nicht selbst daran gedacht hat, irritiert Depner jedoch. „Es gibt etablierte Standards für die Barrierefreiheit bei Apps“, sagt er. „Man muss sie nur umsetzen.“

Von einigen Mitgliedern im Verband kamen bereits Reaktionen, berichtet Depner. „Sie sind enttäuscht und frustriert.“ Denn es sei nicht das erste Mal, dass Menschen mit Sinnes-Einschränkung während der Pandemie vergessen wurden. So hatten die Gehörlosen beispielsweise zu Beginn der Pandemie kritisiert, dass es bei den wichtigen Corona-Nachrichtensendungen keine Gebärdensprache-Dolmetscher gab. Das hat sich inzwischen geändert. Aber noch immer müssen Menschen mit Einschränkungen auf Barrierefreiheit pochen, berichtet Depner. „Für Blinde ist es zum Beispiel unmöglich, allein einen Corona-Selbsttest zu machen“, sagt er. Er weiß von vielen Mitgliedern des Verbandes, die seit einem Jahr fast völlig isoliert leben. „Weil sie als Blinde die Abstände nicht einhalten können“, erklärt er. Auch er selbst geht kaum noch einkaufen – er hat Angst, sich zu infizieren. Trotz Handschuhen und Desinfektionsmitteln. „Blinde Menschen sind eben sehr auf ihren Tastsinn angewiesen.“

Die Corona-Warn-App habe von Anfang an barrierefrei funktioniert, sagt Depner. Für ihn beweist das, dass Barrierefreiheit technisch längst möglich sei. Aber sie werde dennoch oft vergessen. „Zum Beispiel beim Online-Shopping ist das von Anbieter zu Anbieter sehr verschieden.“ Dabei würden nicht nur Blinde von bedienungsfreundlicher und barrierefreier Technik profitieren. Sondern beispielsweise auch Senioren.

Ein Sprecher des Digitalministeriums sagte, man sei sich bewusst, dass die App in Sachen Barrierefreiheit nachgebessert werden müsse. Bei der Auswahl dieses Instruments zur Kontaktnachverfolgung sei vor allem wichtig gewesen, dass die Anwendung den „Erfordernissen effektiver Pandemiebekämpfung gerecht werden musste“. Die Entwicklungsfirma der Luca-App, die culture4life GmbH, teilte mit, dass erste Beschränkungen für Sehbehinderte bereits behoben wurden. Ein Sprecher räumte ein, dass daran nicht gedacht worden war. Nun steht die Firma in Kontakt mit Sehbehindertenverbänden. Mitte Mai soll eine barrierefreie Version verfügbar sein.

Der Blindenbund fordert seit Jahren eine Landesfachstelle für Barrierefreiheit, um solche Pannen zu vermeiden. „Wir hätten den Freistaat gerne unterstützt“, sagt die BBSB-Vorsitzende Judith Faltl. „Die Regierung muss Barrierefreiheit endlich ernsthaft umsetzen.“ kwo/lby

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