Max Bertl, der Bilderbuch-Bayer

von Redaktion

INTERVIEW Der scheidende Trachtlerchef spricht über Toleranz fürs Oktoberfestgewand und den flotten Herrn Obama

Wildsteig – Max Bertl ist Bayerns berühmtester Gamsbartträger. Außerdem ist der Zimmerermeister aus Wildsteig im Kreis Weilheim-Schongau Träger des Bayerischen Verdienstordens, Jäger und seit 50 Jahren glücklich verheiratet. Und er ist seit zehn Jahren der oberste Trachtler im Freistaat. Dieses Jahr gibt er den Vorsitz des Bayerischen Trachtenverbandes ab.

Zum Interview hat seine Frau Annemarie Weißwürste und Brezen hergerichtet. Eine vorsichtige Warnung spricht Max Bertl vorneweg aus: Man soll sich bitte nicht wundern, weil er die mit mittelscharfem Senf isst statt mit süßem. „Ss isch a halberte Todsünd’“, sagt er entschuldigend. Bertl spricht einen bairisch-schwäbischen Dialekt, selbstverständlich auch im Gespräch mit unserer Zeitung. Obwohl unsere Autorin sozusagen eine Dialektnachbarin ist, haben wir das Interview – weitgehend – auf Hochdeutsch aufgeschrieben.

Herr Bertl, ich muss zugeben, ich war gespannt, ob Sie heute Ihre Miesbacher Festtracht tragen würden.

Ich überleg mir schon sehr genau, was ich zu welchem Anlass anziehe. Das ist keine Situation für die Festtracht, das wär doch unnatürlich, meinen’S nicht? Das ist mein Alltagsgewand. Aber das weiße Hemd, das hab ich extra angezogen (lacht).

Sieht man Sie auch anders als in Tracht? Jeans und Pullover zum Beispiel?

Nein, und das ist keine Abwertung der Jeans. Aber die passt nicht zu mir. Ich hab keine, nie eine gehabt.

Was gefällt Ihnen? Gibt’s ein Lieblingsstück Tracht?

Wenn’s im Sommer schön ist: eine kurze Hose und einen Hut mit Gamsbart. Wobei, den Gamsbart gibt’s nur bei Trachtenfesten und hohen Feiertagen. Ich leg viel Wert darauf, dass ich nicht immer gleich ausschau. Wer sich mit Tracht nicht auskennt, meint ja, dass sie bei allen gleich ist. Dabei ist sie überall ein bisserl anders. Da ist Bayern einmalig in Deutschland. Ich trau mich behaupten: Nirgends ist sie so prachtvoll und freudig wie bei uns.

Wie streng sind Sie bei Modetracht?

Ich werd ja öfter angerufen, wenn das Oktoberfest losgeht und gefragt, was ich zur Tracht dort sag. Da nehm ich mir dann schon raus, dass ich sag: Das ist keine Tracht, das ist ein Oktoberfestgwand. Weil es mit Tracht wenig zu tun hat. Aber auch hier wieder: keine Abwertung. Vor 30 Jahren sind nur ganz wenige in dem Gwand aufs Oktoberfest gegangen. Jetzt ist das selbstverständlich. Indirekt hat das auch die Tracht in der Öffentlichkeit aufgewertet.

Also akzeptieren Sie jede Form von Gewand?

Mit dem Partygwand kann ich nicht viel anfangen. Aber es wär verkehrt, wenn ich sagen tät, dass das ein Krampf ist. Sonst heißt’s bloß, „d’Trachtler sen immr so eig’naht“ – dass wir zugeknöpft sind. Ich kann auch nicht viel damit anfangen, wenn Frauen kurze Lederhosen tragen. Aber da bin ich tolerant, weil alles andere nix bringt. Außer, wenn’s um unsere Vereine geht. Da muss alles stimmen. Es wär ungut, wenn wir uns über alles aufregen, das uns nicht gefällt. Das muss man halt für sich behalten. Innerhalb des Verbandes sag ich schon zur rechten Zeit: Das geht nicht.

In Ihre Amtszeit fiel auch der Streit um die Frage, ob eine Band wie LaBrassBanda beim Gautrachtenfest auftreten darf.

Konflikte gibt’s immer dann, wenn Feste sind und ein Dorf das groß aufzieht. Da braucht man unter der Woche Veranstaltungen, dafür hab ich Verständnis. Nur: Wenn’s um ein Trachten- oder Gaufest geht, dann muss es einfach stimmen. Da passt so was nicht. Damit war ich damals konfrontiert. Und damit wird auch mein Nachfolger irgendwann konfrontiert sein.

Sie sind gerade 75 Jahre alt geworden. Ist das der Grund, warum Sie als Verbandschef aufhören?

Mir geht’s gut, ich fühl mich wohl. Nur: Mit meinem Alter bin ich mittlerweile zwei Generationen von der Jugend weg. Das ist ja ganz normal, ich versteh mich gut mit der Jugend. Ich seh aber auch, dass die jungen Leut berechtigterweise andere Sichtweisen haben. Drum hab ich gesagt, jetzt ist gut.

Ihr Herzensprojekt ist das Trachtenzentrum in Holzhausen. Ist es so geworden, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Mindestens, sogar noch besser! Ich hab’s ja von Anfang an als Zimmerermeister begleitet. Da stecken aber auch unbandig viel Ideen von Bayerns Trachtlern drin, aus allen Gauverbänden.

Um den Bau hat es auch Kontroversen gegeben, seinerzeit sind drei Gauverbände ausgetreten.

Das ist richtig. Ich hab auch relativ schnell gespannt, dass unsere finanziellen Mittel nicht ausreichen. Wir sind zwar gut unterstützt worden, auch von der Wirtschaft, aber trotzdem musste ich mich um Sponsoren bemühen, und damit hab ich mir vor allem am Anfang schwergetan. Da waren die vielen Empfänge ein Segen, da sind ja alle gut aufgelegt und man kann die Leut direkt anreden. Die Trachtler haben 33 000 Stunden ehrenamtliche Arbeit mit eingebracht. Ich find’s sagenhaft, wie alle mitgezogen haben.

Sie haben Bayern oft repräsentiert. Hat es Sie gestört, als Bilderbuch-Bayer hingestellt zu werden?

Viele haben ein Bild vor Augen und fragen sich: Was tun die Trachtler? Bier trinken und ein bisserl Plattln und Kartenspielen? Da musste ich oft erklären, dass wir Jugendarbeit machen, das Brauchtum lebendig halten, die Tracht, den Tanz, die Musik. Aber auch die Feiertage und Bräuche, die dazugehören. Vielleicht konnt’ ich das Bild ein bisserl geraderücken.

Das Bild vom Trachtler durften Sie auch vielen Prominenten zeigen. Sie haben Barack Obama die Hand geschüttelt, den Papst besucht …

… und jedes dieser Treffen hatte eine Wirkung auf mich. Ich hab mir die Leut immer ganz genau angeschaut.

Wer hat denn besonders Eindruck gemacht?

Die Besuche beim Papst waren etwas Besonderes. Aber auch die Bundespräsidenten, ich durfte ja mehrere treffen. Frank-Walter Steinmeier war zum Beispiel sehr herzlich.

Auch die Kanzlerin haben Sie ein paar Mal getroffen.

Ja, da erinnere ich mich an ein Treffen am Residenztheater. Bevor sie reingegangen ist, sagte sie Grüß Gott und war freundlich und meinte zu mir, ob die Größe meines Gamsbartes mit der Position zusammenhängt. Da hab ich gesagt: Nein, Frau Bundeskanzlerin, sonst müssten Sie ja so einen haben (macht mit beiden Händen eine ausladende Kreisbewegung). Da hat sie gelacht. Und natürlich erinnere ich mich an Obama.

Wie war’s mit dem Präsidenten?

Von Obama war ich ehrlich überrascht. Zuerst einmal von dem riesigen Flugzeug, mit dem er gekommen ist, wir haben ihn ja am Flughafen begrüßt. Und dann davon, wie flott und freudestrahlend der aus dem Flieger raus ist. Da hast gemeint, der hüpft gleich in die Höh. Man muss es als Ehre anschauen, wenn man Bayern repräsentieren und Gäste willkommen heißen darf. Ich hab mich durch Zufall mit fast allen kurz unterhalten können – sofern die mich verstanden haben und ich sie.

Sprechen Sie denn ein bisschen Englisch?

Nein, überhaupt nicht, aber es ist trotzdem immer irgendwie gegangen.

Ihr bairisch-schwäbischer Dialekt war schon bei Beginn Ihrer Amtszeit Thema.

Es isch mir immr wichtig gwesen, dass ma bei mir raushört, dass i an der Grenz zum Allgäu leb. Dialekt isch ned einheitlich, aber des derf so sei. Manche hon scho a bisserl gschmunzelt, wemma typische Worte verwendt. Aber i hob koane Probleme g’hett.

Wie wichtig ist die Herkunft des Trachtlerchefs?

Der Verband soll die ganze Vielfalt Bayerns zeigen, auch die der Dialekte. Ich hab versucht, alle Gegenden zu besuchen, mir sind Oberfranken und die Oberpfalz genauso wichtig wie der Lechgau oder Niederbayern. Seit bekannt ist, dass ich aufhöre, haben einige gesagt, dass es schad ist.

Wird Ihnen etwas fehlen?

Das glaub ich nicht. Wir haben einen großen Garten, da werd ich meiner Frau wieder mehr helfen, so wie sie mir in all den Jahren eine große Stütze war. Es gibt genug zu tun.

Also wirklich Ruhestand?

Das kommt jetzt, ja. Ich geh ein bisserl auf die Jagd und überlege gerade, ob ich mir ein Elektrorad zulege. Fad wird mir sicher nicht. Auch wenn ich das Amt abgebe, bleib ich doch mit allem, was mit den Trachtlern zu tun hat, und allen in Verbindung und bin sehr, sehr glücklich, dass ich den Verband in gute Hände übergeben kann. Ein Trachtler bleib ich, das hört ja nicht auf.

Interview: Kathrin Brack

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