München – Seit in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Münchner Kardinal Reinhard Marx das Bundesverdienstkreuz verleihen will, regte sich Widerstand. Missbrauchsbetroffene kritisierten die geplante Verleihung, weil die Rolle von Marx in mehreren Missbrauchsfällen in Trier und im Erzbistum München und Freising nicht vollständig aufgearbeitet sei.
Jetzt hat Kardinal Marx den Bundespräsidenten in einem Brief gebeten, von der Auszeichnung Abstand zu nehmen. „Die Kritik, die nun von Menschen geäußert wird, die von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche betroffen sind, nehme ich sehr ernst, unabhängig von der Richtigkeit der einzelnen Aussagen in offenen Briefen und in der medialen Öffentlichkeit“, schreibt Marx. Wie die Erzbischöfliche Pressestelle berichtet, fühle sich der Kardinal persönlich und auch als Amtsträger der Kirche der Aufarbeitung verpflichtet. Ihm sei bewusst gewesen, dass die Auszeichnung auch Anlass zur selbstkritischen Betrachtung seines Wirkens und der Arbeit der katholischen Kirche insgesamt sei.
Marx dankt dem Bundespräsidenten für die „hohe Ehre der Verleihung“, an der das Staatsoberhaupt „auch in Reaktion auf die öffentliche Kritik wertschätzend und wohlwollend“ festgehalten habe. „Meine große Bitte an Sie ist, die Auszeichnung nicht vorzunehmen“, heißt es im Brief an Steinmeier. Er sei überzeugt, dass es mit Rücksicht auf diejenigen, „die offensichtlich Anstoß nehmen, und insbesondere mit Rücksicht auf die Betroffenen, der richtige Schritt ist“. Der Erzbischof hofft, dass er mit diesem Schritt ein Zeichen setzen könne, „dass mir die weitere Aufarbeitung und nach Möglichkeit Heilung im Bereich von sexuellem Missbrauch in Kirche und Gesellschaft ein wichtiges Anliegen bleibt“.
Der Bundespräsident respektiere die Entscheidung, erklärte am Abend eine Sprecherin. In einem Telefonat hätten beide bekräftigt, dass Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche von überragend wichtiger Bedeutung ist und fortgesetzt werden müsse. Rücksicht auf Betroffene zu nehmen, verdiene Anerkennung, habe der Bundespräsident gesagt.
Der Verein Missbit aus dem Bistum Trier nannte Marx’ Entschluss die „einzig richtige Möglichkeit“. Der Verzicht zeige, dass er die Kritik sehr ernst nehme. Auch der Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, begrüßte die Entscheidung. „Respekt!“, kommentierte Katsch auf Twitter. Er selbst war kürzlich mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. cm/kna