Am Abgrund für das perfekte Naturfoto

von Redaktion

Glücksmomente und Probleme aus dem Alltag

München – Sie leben 9000 Kilometer entfernt voneinander. Doch sie eint die Liebe zur Natur. Klaus Melde und Shelton Johnson sind Nationalpark-Ranger. Melde im bayerischen Alpennationalpark Berchtesgaden. Johnson im weltberühmten Yosemite-Park in Kalifornien, der seit 2014 mit Berchtesgaden kooperiert. Nun haben sich die beiden Ranger bei einer Online-Veranstaltung des Münchner Amerika-Hauses über ihren Alltag als Ranger ausgetauscht – und festgestellt, dass die Probleme auch auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks dieselben sind.

Shelton Johnson hat seine Liebe zur Natur nach eigener Aussage in Bayern gefunden. Als er mit seinen in Deutschland stationierten Eltern als Fünfjähriger den Nationalpark Berchtesgaden besuchte und auf 2000 Metern Höhe über die wolkenverhangenen Gipfel der Alpen blickte, sei das ein Erweckungserlebnis gewesen. Nach seinem Literaturstudium fing er als Tellerwäscher in einem Restaurant im Yellowstone-Nationalpark an. Fasziniert von der Wildnis, ließ ihn die Natur nicht mehr los und er wurde Ranger. Für Klaus Melte aus Bischofswiesen waren es die Angelausflüge mit dem Vater nach Österreich, die ihn prägten.

Heute einen die beiden Ranger die Herausforderungen bei der täglichen Arbeit. So sucht etwa der Nationalpark Berchtesgaden seit Langem nach Wegen, um die Besucher zu mehr Achtsamkeit zu bewegen. Auf der Jagd nach dem perfekten Instagram-Schnappschuss an den Gumpen des Königsbachfalls etwa haben sich die Besucher regelmäßig in Lebensgefahr begeben und die Vegetation zerstört. „Wir haben alles versucht“, sagt Melde. Aufklärung, Kampagnen in den Zeitungen und sozialen Medien. „Es hat alles nichts gebracht. Wir sehen keine andere Möglichkeit, als den Bereich zu sperren.“

Shelton Johnson vom 15 Mal größeren Yosemite-Nationalpark in Kalifornien kennt diese Probleme nur zu gut. „Die Menschen wagen sich für das perfekte Foto an den Abgrund oder schaffen sich selbst neue Wege und wissen nicht, was sie dabei anrichten.“

Doch trotz aller Ärgernisse, die die Ranger im Alltag beschäftigen, möchten sie ihre Arbeit nicht missen. „Man kommt jeden Tag mit neuen Menschen in Kontakt und auch die Arbeit ist nie dieselbe“, schwärmt Melde. Und er werde die Momente nicht mehr vergessen, als im ersten Corona-Lockdown im besucherlosen Park die Wildtiere sogar wieder bis zum verwaisten Biergarten in St. Bartholomä ins Tal kamen. Sein US-Kollege Johnson bezeichnet sich gar als „facilitator of astonishment“, also als jemanden, dessen Aufgabe es ist, Begeisterung und Erstaunen für die Natur zu vermitteln.

Dass diese Begeisterung in der Pandemie gefragter denn je ist, beobachten die beiden Ranger ebenfalls. „Die Menschen suchen sich einen Schutzraum“, sagt Johnson. „Und unsere Nationalparks sind Medizin. Nicht gegen das Virus. Aber für die Seele.“ DOMINIK GÖTTLER

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