München – Bayerns Gletscher bluten aus. Das ist zwar keine überraschende Erkenntnis, aber der jüngste bayerische Gletscherbericht zeigt, dass das ewige Eis in den Alpen noch schneller verschwindet als bislang angenommen. „In rund zehn Jahren haben die bayerischen Gletscher zwei Drittel ihres Volumens verloren“, sagte Umweltminister Thorsten Glauber (FW) am Donnerstag bei der Vorstellung des Berichts in München. „Alle 30 Sekunden verlieren wir 250 Liter an Eis“ –allein am Nördlichen Schneeferner. Im schlechtesten Fall könnte der letzte bayerische Alpengletscher schon in zehn Jahren verschwunden sein. Bislang deuteten die wissenschaftlichen Prognosen auf die Mitte des Jahrhunderts hin. Doch der Klimawandel macht den Gletschern stärker zu schaffen als befürchtet.
Welchen Verlust das bedeuten würde, machte Glaziologe Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften deutlich. „Auch wenn die Gletscher im bayerischen Alpenraum von der Fläche her eher unbedeutend erscheinen, so stellen sie doch einen essenziellen Bestandteil des Hochgebirgs-Ökosystems dar.“ Durch den Gletscherrückgang verlieren die Gebirgsbäche eine wichtige Wasserquelle. Zudem verlieren die Bergflanken ihren Eispanzer und könnten abrutschen.
Durch die globale Erwärmung, die in den Alpen noch stärker zu spüren ist als im Flachland, verändert sich auch das Innenleben der Berge. Denn auch dort schmilzt der sogenannte Permafrost. Umweltminister Glauber vergleicht das mit einer Zahnkrone, die an Klebemittel verliert. „Uns geht das Klebemittel in den Alpen verloren.“ So steige etwas die Gefahr von Murenabgängen.
Beim Blick auf die bayerischen Gletscher ist der Südliche Schneeferner auf der Zugspitze das größte Sorgenkind. Einst war er der größte Gletscher Bayerns, doch heute halten sich die letzten Eisreste nur noch unter den sommerlichen Schneedepots des Zugspitz-Skigebiets. Er wird laut dem Gletscherbericht als erster bayerischer Gletscher in wenigen Jahren verschwunden sein. Auch das Blaueis sowie der Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen spielen mit ihrem Volumen schon kaum mehr eine Rolle. Als größten Gletscher im Freistaat sowohl beim Volumen als auch bei der Fläche hat der Höllentalferner den Nördlichen Schneeferner abgelöst. Dabei hilft ihm seine Lage zwischen steilen, schattenspendenden Felswänden, die ihn auch immer wieder mit Lawinen speisen. Der Nördliche Schneeferner als höchstgelegener Gletscher Bayerns hingegen hat mittlerweile seine Zunge und damit deutlich an Fläche verloren (siehe Fotos links).
Für Minister Glauber sind die politischen Folgen des Gletscherrückgangs klar. „Die Gletscher sind Fieberthermometer für den Zustand unseres Klimas. Wir müssen alles daran setzen, so schnell wie möglich in eine klimaneutrale Zukunft zu kommen.“ Er sprach sich dafür aus, die Klimaziele im Bund und in Bayern anzupassen und sagte: „Die wahre K-Frage unserer Zeit ist nicht die Kanzler-, sondern die Klimafrage.“ DOMINIK GÖTTLER