Steingaden – Still liegt die Wieskirche zwischen den saftigen Wiesen in der malerischen Landschaft bei Steingaden im Pfaffenwinkel. Jetzt, zum 1. Mai, müsste eigentlich die Hochsaison starten: die Wallfahrtszeit, die traditionell bis Ende Oktober dauert. Normalerweise. Aber was ist schon normal in CoronaZeiten?
Wieskurat Gottfried Fellner schaut traurig aus dem Fenster seines Büros: „Auf unserem großen Parkplatz sehe ich gerade einmal zwei Autos. Es ist einsam in der Wies.“ Nahezu eine Million Besucher kam vor der Corona-Pandemie jährlich zur Wieskirche, um die einzigartige Rokoko-Kirche der Wessobrunner Brüder Zimmermann zu bestaunen. Darunter viele Kurzbesucher aus Asien und den USA, die auf dem Weg nach Schloss Neuschwanstein einen Abstecher zum Unesco-Weltkulturerbe Wieskirche gemacht haben. „Die Tourismusfakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München hat einmal ermittelt, dass die Verweildauer durchschnittlich zwölf Minuten ist“, sagt der 76-jährige Fellner. Aber es gab auch 70 000 Pilger, die sich mehr Zeit nahmen, um vor dem Gnadenbild des Gegeißelten Heilands zu beten und die einzigartige Stimmung der Wieskirche auf sich wirken zu lassen.
Im vergangenen Jahr und heuer aber hat Corona Touristen und Wallfahrer größtenteils von der Wies ferngehalten. Keine Busse mit Chinesen oder Reisegruppen aus ganz Europa. Stattdessen hier und da Ausflügler und Einzelpilger aus der näheren Umgebung, die die Beschaulichkeit und Stille suchen. Die Gottesdienste am Sonntag – maximal 92 Besucher sind derzeit zugelassen – sind noch relativ gut besucht. Kontakte zu Pilgern laufen vielfach elektronisch. Statt in die ausgelegten Fürbitt-Bücher zu schreiben, senden Gläubige ihre Bitten an den Gegeißelten Heiland per WhatsApp oder E-Mail.
Wenn am Samstag um 10 Uhr mit dem Festgottesdienst der Auftakt der Wallfahrtszeit gefeiert wird, dann geschieht auch das nur mit schmerzhaften Einschränkungen. Eigentlich wollte das Bayerische Fernsehen den Gottesdienst übertragen. Doch das wurde kurzfristig wegen neuer Pandemieregelungen und vieler kranker Mitarbeiter abgesagt – zur großen Enttäuschung für Pfarrer Gottfried Fellner: Der TV-Gottesdienst wäre einer der wenigen Höhepunkte in seiner letzten Wallfahrtssaison gewesen. Zum 31. August nämlich geht der Wieskurat in den Ruhestand. Nun wird der Gottesdienst auf der Homepage www.wieskirche.de übertragen.
Dass er seine aktive Zeit mit zwei ausgefallenen Wallfahrts-Jahren beendet, ist für den Wies-Pfarrer schon bitter. Neben dem gestutzten Wallfahrtsauftakt findet in diesem Jahr auch das Tränenfest am 20. Juni nur in kleinem Rahmen statt – es erinnert an das Tränenwunder vom 14. Juni 1738 auf dem Hof der Familie Lory. Die Bäuerin Maria Lory hatte die Figur des Gegeißelten Heilands auf dem Speicher des Klosters Steingaden entdeckt und mit nach Hause nehmen dürfen. Am 14. Juni des Jahres wurden Tränen im Gesicht der Figur entdeckt – das berühmte Tränenwunder, das die Wallfahrt in die Wies begründen sollte.
Größeren Auftrieb – abhängig von der Corona-Lage – wird es erst wieder am 5. September geben, wenn der Augsburger Bischof Bertram Meier den neuen Wies-Kurat Florian Geis einführt. Monsignore Fellner aber verabschiedet sich nicht von der Wies, sondern zieht im Prälatenhaus nur ein Stockwerk tiefer. „Ich mach den Untertan“, scherzt er. Denn der Kurat zieht in die alte Mesner-Wohnung und bleibt seinem Nachfolger als Ruheständler erhalten. So kann er weiter bei Gottesdienst-Feiern aushelfen und Führungen im Wallfahrtsmuseum übernehmen. „Wenn ich gebraucht werde, dann bin ich da.“
Für Gottfried Fellner ist die Wies zu einem Sehnsuchtsort geworden, zu einem neuen Zuhause. Jetzt hofft er, dass die Wallfahrt bald wieder auflebt. Mit Gesang und Musik, mit festlichen Gottesdiensten. Damit die Menschen in der Wies getröstet werden und hoffnungsfroh nach Hause gehen können.