Die fabelhafte Rettung der Maibäume

von Redaktion

VON CORNELIA SCHRAMM

Neuried/Gilching – Ein Maibaum schweißt den Ort zusammen, da ist sich der Maibaumverein aus Neuried im Landkreis München sicher. Er bringt Einheimische, wie der Vorsitzende Felix Lechner einer ist, und Zuagroaste, wie Schriftführer Hauke Jeß, zusammen. „Aufgestellt haben die Neurieder schon immer, seit 2017 aber mit neuem Konzept“, sagt Lechner. Als der Maibaum damals eingeholt war, haben sie den ganzen Ort eingeladen – nicht nur die üblichen Verdächtigen aus den Vereinen. Die Wachen haben sie abends wie kleine Feste zelebriert. Tagsüber halfen alle beim Schepsen, Hobeln, Schleifen und Malern mit. „Auch die Asylbewerber haben wir eingeladen. Da sind wirklich Freundschaften fürs Leben entstanden“, sagt Jeß.

Dieses Jahr ist alles anders. Kurz vorm 1. Mai stehen Lechner und Jeß in ihren Lederhosen neben dem Baum und erinnern sich an das rauschende Fest, das damals folgte. „Vom Steckerlfisch bis zum Rollbraten gab es alles“, sagt Lechner. „Und im Festzelt haben wir mit einer Mass Bier kräftig angestoßen – all die Mühen hatten sich mal wieder gelohnt.“ Heute, vier Jahre später, ist ein Fest wie damals undenkbar.

Ihren Maibaum wollen die Neurieder 2021 aber trotzdem aufstellen. Ist der doch nicht nur Frühlingsbote, sondern auch Symbol für Glück, Segen und gutes Gedeihen. Und diese Botschaft gilt es gerade in Corona-Zeiten zu vermitteln, findet Schriftführer Hauke Jeß. „Wir wollen ein Zeichen der Zuversicht und Hoffnung setzen.“

Inmitten der Pandemie gab es da aber einiges zu beachten. „Erst einmal mussten wir den Baum ganz still und heimlich aus dem Wald holen, damit sich keine Zuschauer versammeln konnten“, sagt Lechner. Zudem galten strenge Regeln: „Wer am Maibaum arbeitete, wurde in eine Liste eingetragen“, sagt Lechner. „Und ein Selbsttest war Pflicht, bevor man das Gelände betrat.“ Als Betreiber einer Veranstaltungsfirma kennt Lechner sich damit gut aus. Auf die Tests setzt er große Hoffnungen – für das diesjährige Maifest helfen sie ihm aber noch nicht.

Und so bleibt der Dorfplatz in Neuried ganz entgegen Tradition und Gewohnheit am 1. Mai leer. „Der Zeitpunkt, an dem der Kran anrückt, bleibt geheim“, sagt Lechner. „Damit sich auch da keine Menge bilden kann.“ Schon jetzt aber äugt er zufrieden auf den 27 Meter langen Maibaum, den bis dahin eine Alarmanlage bewacht. Geschützt liegt er unter einem selbst gebauten Unterstand aus Planen und Holzbrettern – an einem geheimen Ort. Eines aber bleibt kein Geheimnis: Am 1. Mai, um Punkt 12 Uhr, sollen alle Neurieder das weiß-blaue Zeichen der Hoffnung bewundern können. Allerdings von zuhause aus.

Der Verein wird ein Video drehen und es auf Facebook und seine Internetseite stellen. So kann jeder das Aufstellen vom Wohnzimmer aus beobachten. „Nicht nur für ältere Menschen ist das schön, sondern auch für die Kinder. Sie sollen den Brauch ja auch kennenlernen können“, sagt Lechner. Und etwa zur gleichen Zeit könnte es dann noch an der Haustür klingeln: „Wir liefern Bier und andere Getränke für die kleine Maifeier daheim.“

All der Aufwand rechnet sich für die Vereinskasse im Vergleich zum großen Fest im Jahr 2017 freilich nicht. Aber damals entstand aus „Blödelei“, wie Lechner heute sagt, eine Idee, die sich zu Corona-Zeiten bewähren soll. „Einer von uns hat mit der Motorsäge eine Bank aus dem alten Maibaum geschnitzt“, sagt der Vereinschef. Im Bierzelt haben sie die dann spontan versteigert. „Das war echt der Renner“, sagt Schriftführer Jeß. Die Begeisterung und die Idee wollen sie auch ins Jahr 2021 mitnehmen. Diesmal geht es wieder dem alten Maibaum an den Kragen. „Wir fertigen Schnaps- und Brotzeitbretter, Bänke und Tische daraus an“, erklärt Lechner. Die versteigert der Verein auf Ebay – auf Wunsch sogar personalisiert.

Der Schwur von Gilching: Es muss ein Fest geben

Mit einer pfiffigen Idee, die zumindest ein paar Einnahmen in die Vereinskasse spülen sollen, sind die Neurieder nicht alleine. Auch in Gilching im Landkreis Starnberg waren sie kreativ. „Wie bringt man den Maibaum am besten ins heimische Wohnzimmer?“, fragte sich René Weber vom Verein „Guichinger Brauchtum“. Hatte sich der Informatiker doch geschworen, dass es bei ihm als Vorsitzenden nie einen 1. Mai ohne Maifest geben wird. So sinnierte er über einen Maibaum in Tischgröße, mit dem man die Tradition trotz Pandemie erleben kann.

Nächtelang tüftelte Weber in seinem Keller an der praktischen Umsetzung. Mit einigen Mitstreitern aus der Vorstandschaft fertigte er dann schließlich erste Prototypen an. Ende März standen sie vor einem Stecksatz für einen 33 Zentimeter hohen Miniatur-Maibaum. Zu Ostern sollte er in Serie gehen.

„Ursprünglich wollten wir nur 50 Stück anfertigen, aber schon nach vier Tagen waren über 100 reserviert“, sagt Weber. Insgesamt hat der Verein dann 260 dieser Maibäume hergestellt und für jeweils  15 Euro verkauft. „Wir waren restlos ausverkauft und konnten keine Bestellungen mehr annehmen“, erzählt Weber, bei dem bis heute Interessierte aus ganz Bayern anrufen und ihre Bestellung aufgeben möchten.

Neun Vereinsmitglieder waren jeweils einen ganzen Tag lang damit beschäftigt, die verschiedenen Bausatzteile für einen Baum zu fertigen. So sind die Zeit und die Mühe, die im Projekt stecken, eigentlich kaum zu bezahlen – umso stolzer sind die Bastelmeister, das Projekt gemeinsam gestemmt zu haben.

„Die Leute sind ausgehungert“, sagt Weber, „nach Tradition und etwas Abwechslung“. Der „Maibaum für dahoam“ ist daher nicht nur etwas für das Herz, sondern auch echte Beschäftigungstherapie. Wie die große Variante muss er weiß grundiert werden, bevor das Farbdöschen „Enzianblau“ endlich für den typischen Anstrich geöffnet werden darf. Und da sind erstmals nicht nur Rauten erlaubt, sondern auch Streifen. Danach kommen die filigranen Dekorbogen an die Reihe. Nicht ganz so mühsam wie in der Realität ist dann das Aufrichten des Maibaums mit den beiden im Set mitgelieferten Schwalbenstangen. „Einige haben bereits aufgestellt und den Maibaum wie eine Art Krippe inszeniert“, freut sich der Vorsitzende.

Für die Gilchinger Familie Nierychlo war es Ehrensache, dem Verein einen der Mini-Maibäume abzukaufen. Seitdem ziert er ihren Esstisch. Mutter Andrea leitet die Kindertanzgruppe des Brauchtumvereins. Und wenn Paul und Lea schon nicht proben dürfen, hält sie der „Maibaum für dahoam“ bestimmt beschäftigt – und vor allem in Kontakt mit dem Brauch.

Wenn der Rest von Gilching am 1. Mai aufstellt, tischt der Verein gebührend auf: „Auf Vorbestellung verkaufen wir Steckerlfisch – natürlich zum Mitnehmen“, sagt Weber. Und wenn das geschafft ist, will er sich selbst ein schönes Maifest daheim machen. Zu der Volksmusik-Playlist und den Tanz-Videos, die der Brauchtumsverein online stellt, will er mit seiner Frau und seiner Tochter im Wohnzimmer „den Boarischen“ tanzen. Damit sie bestens für das echte Maifest 2022 gewappnet sind.

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