Dieser Tage hat die KZ-Gedenkstätte Dachau – leider wegen der Corona-Pandemie nur virtuell im Internet – den 76. Jahrestag der Befreiung mit einer Gedenkstunde gewürdigt. Zu Recht gilt das Augenmerk dabei den noch wenigen lebenden ehemaligen Häftlingen, die über die Schrecken der NS-Herrschaft berichten können.
Aber natürlich darf man auch die Täter nicht aus dem Blick verlieren – diejenigen, die aus ideologischer Überzeugung quälten und mordeten. Über sie ist oft nur wenig bekannt. Aber was prägte sie, was trieb sie an? Das kann man an einem weithin unbekannten SS-Mann beschreiben. Sein Name ist Hermann Dolp (geboren 12. September 1889 in Türkheim/Allgäu). Das Folgende ist ein Werkstattbericht, denn manches ist unbekannt. Aber so viel ist klar: Dolps Biografie hatte Brüche, aber der Lagerarbeiter radikalisierte sich und wurde zu einem gefürchteten Mörder.
Dolp war im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen und bei Kriegsende wie tausend andere vermutlich fürchterlich enttäuscht. Für ihn war die Revolution 1918/19 mutmaßlich Verrat und die deutsche Niederlage eine Schmach, denn in den früheren 1920er- Jahren schloss er sich einer paramilitärischen Organisation an: dem Bund und Freikorps Oberland, einer Gruppe von Fanatikern, die am liebsten gleich wieder in den Krieg gezogen wären. Dazu kam es nicht. Aber: Als Oberland-Mitglied nahm Dolp 1923 am Hitlerputsch teil.
Er war im Hofbräuhauskeller stationiert und erhielt am Morgen des 9. November 1923 den Befehl, Juden in Bogenhausen/Lehel zu verhaften. Die Geiselnahme von Juden während des Hitlerputsches – die gut ausging, denn alle kamen schnell frei und niemand wurde verletzt – hatte ein Ermittlungsverfahren der bayerischen Justiz zur Folge. Doch Dolp wurde freigesprochen: Er habe ja „nicht aus eigenem Entschluß, sondern auf Befehl“ gehandelt. Ein Warnschuss der Justiz blieb aus.
Dolp radikalisierte sich weiter: Er schloss sich schon 1928 der SS an, 1929 dann der NSDAP. Er war Führer von SS-Sturmtrupps in München. 1933, als Hitler die Macht übernahm, änderte sich auch Dolps Leben: Er konnte nun eine berufliche Karriere in der SS anstreben. 1934 war Dolp einen Monat lang im KZ Dachau, danach wechselte er in die SS-Hauptverwaltung nach Berlin, wurde Chef der Hausverwaltung. Ein Schreibtischjob. Eine entscheidende Wende in der Laufbahn des bis dato unauffälligen SS-Mannes kam im Juli 1939. Da ordnete der SS-Reichsführer Himmler an, bewährte SS-Leute der Verwaltung als Aufsichtspersonal in den KZ zu versetzen. Einer von ihnen war Dolp: Er wurde Schutzhaftlagerführer im KZ Sachsenhausen bei Berlin. Doch aus Sicht der SS bewährte sich Dolp nicht: Sein Vorgesetzter beschrieb ihn als zu nachgiebig, befürchtete sogar, Dolps lasche Aufsicht könne zu Fluchtversuchen unter den Häftlingen führen. Dolp wurde wieder versetzt – diesmal kam er, der Zweite Weltkrieg hatte begonnen, nach Lublin zu einem berüchtigten SS-Führer namens Odilo Globocnik.
Der Rüffel über sein „weiches“ Auftreten muss Dolp nachhaltig beeindruckt haben, denn jetzt wurde aus dem unauffälligen SS-Mann ein berüchtigter Mörder. Im besetzten Polen trieb die SS Anfang 1940 – also noch vor dem Überfall auf die Sowjetunion – den Bau einer neuen Grenzbefestigung voran („Otto-Linie“).
Dazu wurden Zwangsarbeiterlager aufgebaut – und die Aufsicht über mindestens acht dieser Lager wurde Dolp übertragen. Er war nun zuständig, Juden aus den umliegenden polnischen Landstädten in diese Lager zu pferchen und sie zur Arbeit anzutreiben.
Unter unmenschlichen Strapazen mussten sie Sümpfe trockenlegen und den (militärisch völlig sinnlosen) Wall aufschütten. Aus SS-Sicht bewährte sich Dolp. In der zynischen Sprache Globocniks, der 1941 eine dienstliche Beurteilung verfasste, wurde Dolp attestiert, „allen Anforderungen, die an ihn als SS-Mann gestellt werden, nachzukommen“. Was das in der Realität hieß, darüber berichtet der später in die USA emigrierte jüdische Überlebende Joe Rubinstein, der als 19-Jähriger in einem der Lager schuftete. Er nennt Dolp in seiner Biografie einen „Schweinehund“, der persönlich Juden erschoss. Es gibt weitere Zeugenaussagen, die Dolp ebenfalls als unbarmherzigen Sadisten schildern.
1942 wurde Dolp versetzt – nach Norwegen, wo er Zwangsarbeitslager in Elsfjord beaufsichtigte. Auch hier gibt es Zeugenaussagen, dass Dolp wütete und mordete. 1944 wurde Dolp, mittlerweile mit den SS-typischen Auszeichnungen wie Julleuchter und Totenkopfring geehrt, wieder versetzt. Diesmal ging er als SS-Obersturmbannführer zu einer Einheit der Waffen-SS, die im Raum Lettland eingesetzt wurde. Hier verliert sich seine Spur – er war seit August 1944 vermisst. Die Norweger suchten ihn später als Kriegsverbrecher – ohne Erfolg. Nach 1960 wurde Dolp auf Betreiben seiner Ehefrau wahrscheinlich für tot erklärt. Die Recherchen sind hier aber noch nicht abgeschlossen.
Was bleibt als Erkenntnisgewinn dieser wüsten Biografie? Eine Vermutung: Dass nicht Arbeitslosigkeit oder soziale Randständigkeit Rechtsextreme radikalisierte, sondern ideologische Überzeugung und gemeinsame Gewalt-Erfahrungen in der als „Kampfzeit“ empfundenen Weimarer Republik. Dolp war ein Überzeugungstäter, er fand „Anschlussmöglichkeiten“ in radikalen Gruppen, erst im Bund Oberland, später in der SS. Es war sein eigener Mikrokosmos. Keiner gebot ihm Einhalt. Hypothetisch formuliert: Wären diese Gruppen in der Weimarer Demokratie konsequent verboten worden, vielleicht wäre Dolps Leben anders verlaufen. DIRK WALTER