Napoleon – Bayerns Königsmacher

von Redaktion

München – Als Napoleon Bonaparte am 24. Oktober 1805 mit seinem Tross nach München einzieht, ist die ganze Stadt auf den Beinen. Die Menschen schwenken ihre Hüte, als der Korse mit seinem Schimmel durch das Karlstor am Stachus reitet. Der Maler Nicolas-Antoine Taunay hat diese Szene festgehalten. Doch in Wahrheit war die Ankunft des französischen Kaisers an der Isar viel unspektakulärer als auf dem Gemälde. Ohne größeren Pomp war Napoleon nachts in einer Kutsche bei Kurfürst Max IV. Joseph eingetroffen, der sich in letzter Sekunde für den Pakt mit dem Franzosenkaiser entschlossen hatte, um sich nicht den Österreichern unterwerfen zu müssen. Es war der Anfang vom Aufstieg zum Königreich Bayern. Und aus Max IV. Joseph wurde König Max I. Joseph.

Heute jährt sich Napoleons Todestag zum 200. Mal. Das Leben des Mannes, der die Grundlagen für das moderne Deutschland legte und noch viel stärker seine französische Heimat prägte, gleicht einem antiken Drama: ein kleiner, 1769 geborener Artillerieoffizier aus dem unruhigen Korsika, der sich innerhalb weniger Jahre mit großem Ehrgeiz zum Herrscher Frankreichs und Herrn über Europa aufschwingt, um dann ebenso rasch seine Macht zu verspielen und ins Nichts zu versinken.

Napoleon war ein Getriebener. Innenpolitisch musste er einen schwierigen Balanceakt vollführen: einerseits die Errungenschaften der Französischen Revolution gegen radikale linke Kräfte und Monarchisten verteidigen – und zugleich diejenigen integrieren, die die Verlierer der Revolution waren. Die revolutionäre, antikirchliche Linke beobachtete misstrauisch, dass er auf Kirche und Adel zuging, um Frankreich zu einen. Die konservative Rechte, die Anhänger der Monarchie und die ausländischen Herrscher warteten nur auf sein Scheitern, um Vergeltung zu üben und die Enteignung von Kirchen- und Adelsgütern ebenso rückgängig zu machen wie die Gleichheit vor dem Gesetz.

Als Napoleon 1799 die Macht ergreift, scheint es für Frankreich nur zwei Alternativen zu geben: Entweder wird das Land von den europäischen Monarchien und den Mächten des Ancien Regime überrannt – oder es versinkt im Bürgerkrieg. Für Napoleon erweisen sich Kaiserkrönung und Diktatur als einziger Ausweg aus diesem Dilemma. Aus Sicht seines Biografen Günter Müchler wäre es deshalb falsch, Napoleons Kaisertum als Wiederkehr des alten monarchischen Regimes zu beschreiben. Der Korse begründete vielmehr eine neue Herrschaftsform, die sich auf Volkssouveränität und das Charisma des Herrschers stützte.

Mit Blick auf Napoleons Eroberungszüge durch ganz Europa wendet sich Müchler gegen die Interpretation, der Kaiser sei von seiner Maßlosigkeit getrieben worden. „Er war weder ein unermüdlicher Kriegstreiber noch ein unersättlicher Landräuber“, schreibt der Biograf. „Sein Riesenreich ist das Produkt von Gelegenheiten, die er konsequent nutzt.“ In nur zwölf Jahren krempelt der kleine Korse ganz Europa um. Seine Herrschaft bricht zusammen, als er nicht mehr siegt. Am Ende steht der einsame Tod in der Verbannung auf Sankt Helena. Napoleon stirbt am 5. Mai 1821 wie schon sein Vater an Magenkrebs – auch wenn sich bis heute Gerüchte einer Arsen-Vergiftung halten.

In Napoleons Windschatten war Bayern unterdessen zum Königreich aufgestiegen und konnte erhebliche territoriale Zuwächse verzeichnen. Das Reich der Wittelsbacher zog sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Süden bis zum Gardasee. Wie der Historiker und anerkannte Napoleon-Experte Thomas Schuler beschrieb, war darüber nicht jeder glücklich. So eröffnete der Pfarrer von Günzburg, das als Teil der Markgrafschaft Vorderösterreich Bayern zugeschlagen wurde, seine Neujahrspredigt mit den Worten: „Der liebe Gott hat uns für unsere Sünden bestraft – wir sind bayerische geworden.“ Als Napoleons Macht langsam schwand, schlug sich Bayern auf die Seite seiner Gegner. Und so konnte das Königreich als Siegermacht auf dem Wiener Kongress von 1814 einen großen Teil der Gebietsgewinne behalten.

Napoleons Spuren sind im Freistaat aber bis heute zu sehen und zu hören: Etwa in Form des Obelisken am Münchner Karolinenplatz, der an die Gefallenen von Napoleons Russlandfeldzug erinnert. Die Hochzeitsgeschenke von Kurfürstentochter Auguste Amalie und Napoleons Stiefsohn Eugene de Beauharnais waren vor Jahren in der bayerischen Landesausstellung zu sehen. Auch im bairischen Dialekt hat sich die Modesprache Französisch niedergeschlagen. Aus dem Gehweg wurde das Trottoir, aus dem Regenschirm der Paraplui. Bis heute lassen sich die Bayern das Böfflamott munden. Die Kinder machen sich’s in der Schäsn (Kinderwagen) bequem, die Älteren auf dem Kanapee (Sofa). Ein Vermächtnis, von dem Napoleon wohl gar nicht zu träumen wagte, als er im Jahr 1805 durch die Tore Münchens ritt.  dpa/kna/mm

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