Ottobrunn – Vor genau 50 Jahren lernte der Transrapid das Schweben: Die Wissenschaft blickte am 6. Mai 1971 nach Ottobrunn (Kreis München). Auf einer Teststrecke von 660 Metern Länge bewies die Firma Messerschmitt-Bölkow-Blohm etwas, das viele für unmöglich hielten: Mit 90 Kilometern pro Stunde raste dort eine Magnetschwebebahn entlang. Das Fahrzeug stand bis 2005 im Deutschen Museum, inzwischen ist es im Lokschuppen Freilassing ausgestellt. Die Ingenieurin Eveline Gottzein, eine der Entwicklerinnen der Magnetbahn, wünscht sich die Rückkehr des Fahrzeugs ins Deutsche Museum. Sie ist die einzige Frau, die mit dem Werner-von-Siemens-Ring für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Die 89-Jährige erinnert sich an die Stimmung damals und die Zweifel an ihrer Arbeit.
Frau Gottzein, wie haben Sie den 6. Mai vor 50 Jahren erlebt?
Es war eine super Stimmung. Wir lagen uns in den Armen, waren unglaublich glücklich, dass alles geklappt hatte. Manchmal schaue ich mir noch Fotos von der Mannschaft von damals an. Auf den Bildern strahlen alle.
Mit der ersten Fahrt haben Sie einige Zweifler widerlegt. Viele hielten ein solches Tempo nicht für möglich. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Es war ein weiterer Ansporn. Bei jeder Gelegenheit kam irgendein Professor, der mir erklärt hat, dass das überhaupt nicht geht, was wir vorhaben. Ständig habe ich das gehört. Man hatte das Gefühl, dass niemand daran glauben würde. Aber mein damaliger Chef, der Firmengründer Ludwig Bölkow, hatte immer zu mir gehalten.
Mit Erfolg – die Testfahrt gelang. Zur Umsetzung Ihrer Pläne in der Region kam es aber nie. War die Arbeit umsonst?
Nein, war sie nicht. Es wäre aber natürlich toll, wenn man das heute noch umsetzen würde. Denn einen Grundgedanken von damals, den gibt es noch heute.
Nämlich?
Man hat damals prognostiziert, dass der Verkehr enorm zunehmen wird, von Norden nach Süden, von West nach Ost. Man muss heute nur einmal auf die Autobahnen sehen, um zu erkennen, dass das eingetroffen ist. Auch der Flugverkehr innerhalb Europas oder Deutschlands ist wahnsinnig gewachsen. Davon hätte man vieles ersetzen können durch eine Magnetbahn. Entstanden ist sie aber nie.
Es gab einige Planungen. Zum Beispiel zwischen Berlin und Hamburg sollte ein Transrapid gebaut werden. Woran ist es am Schluss gescheitert?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es an der öffentlichen Meinung lag. Wegen eines schlechten Images hat sich die Politik nicht getraut, zu investieren. Da gibt es eine ziemlich eindrückliche Erinnerung.
Erzählen Sie, bitte.
Ich war auf einer Bergtour mit ein paar Freunden unterwegs. Alles war gut, die Stimmung war ausgelassen. Zumindest bis das Gespräch auf meine Arbeit fiel und die Magnetbahn. Eine von den Frauen, die dabei waren, hat mich dann wahnsinnig angegiftet. „Unzumutbar“ fand sie das alles. Innerhalb von Sekunden ist die Stimmung komplett gekippt. Das zeigt, wie schwierig diese Debatte, wie vergiftet die Stimmung war.
Wieso fanden manche die Technik unzumutbar?
Es wurde gezielt Stimmung gegen das Projekt und diese Technik gemacht. Der Tenor war: Man kann es der Bevölkerung nicht zumuten, zum Beispiel den Lärm. Das Argument ist aber nicht konsequent – Güterverkehr und Flugzeuge kann man der Bevölkerung ja schließlich auch zumuten. Deshalb wurden die Pläne eines Transrapids in München im Jahr 2008 abgebrochen. Ich habe das Gefühl, dass es aber inzwischen eine andere öffentliche Meinung gibt, ich denke die Menschen wären jetzt aufgeschlossener. Außer vielleicht ein paar, die grundsätzlich dagegen sind, egal, was man vorschlägt. Das liegt auch daran, dass unsere Ideen im Ausland, zum Beispiel in Shanghai, schon zum normalen Verkehr gehören.
Was geschah mit Ihren Plänen von damals?
Die wurden nach China verkauft. Die chinesischen Betreiber haben dann nach diesem Konzept in kürzester Zeit eine Anbindung zum Flughafen in Shanghai hergestellt und fahren dort fahrplanmäßig Passagiere von einer hochmodernen Abfertigungshalle aus hin und her. Da wurden schon viele Millionen Kilometer zurückgelegt, Wo ist die Exportnation Deutschland? Mir ist zum Heulen. In China und Japan sind Hochgeschwindigkeitsmagnetbahnen momentan im Bau. In Japan ist zum Beispiel gerade eine 300 Kilometer lange Strecke von Tokio nach Nagoya im Bau, sie wird später bis Osaka verlängert. Geschwindigkeit: über 600 Kilometer pro Stunde. Das Thema ist also immer noch hochaktuell – auch 50 Jahre nach unserer ersten Fahrt.
Interview: Dominik Stallein